Geduld

Während außerhalb der Lombardei die Kurve zusehends verflacht, wird im Süden Italiens das nächste Feuer entfacht: Der Aufstand der Armen. In Palermo bewacht die Polizei jetzt die Supermärkte, zur Abwehr von Plünderungen! Die Leute sind verzweifelt, viele wissen nicht, wovon sie ihre Einkäufe bezahlen sollen. Experten warnen vor Revolten und vor einer Mafia, die zuletzt geschwächt erschien, nun aber Profit aus der Notlage ziehen könnte. Eines ihrer Kerngeschäfte ist der Kredit zu Wucherzinsen.

Der ökonomische und soziale Absturz kommt nicht nach der Pandemie, sondern während der Pandemie. Auch diese Lehre könnten die Europäer aus Italien (und leider auch aus dem so grauenhaft verwüsteten Spanien) ziehen, wenn sie sich denn dazu bequemen möchten. Bevor es zu spät ist, für Europa. Dazu hier der eindringliche Appell der italienischen Schriftstellerin Francesca Melandri, die auch daran erinnert, wie privilegiert diejenigen sind, deren Hauptproblem jetzt gerade ist, ihre Kinder zu Hause zu haben oder niemanden zu Hause. Die also einfach mal eine Weile aus ihrer Routine raus sind und jetzt nicht viel mehr beweisen müssen als Geduld und Flexibilität. Gesunde Leute ohne Existenzsorgen haben im Moment schlicht kein Problem.

Davon abgesehen macht uns die Lage natürlich allen zu schaffen. Seit Tagen (und Nächten, denn Schlaf ist in diesen Zeiten ja auch ein Luxus) frage ich mich, wieso ich es trotz aller Tolle-Filme-Listen, die liebe Freunde und Familienmitglieder schicken und Kollegen veröffentlichen, einfach nicht bringe, mich mit schlichtem Film-Schauen abzulenken. Da stieß ich auf ein Interview mit Paolo Legrenzi, einem Psychologie-Professor aus Venedig.

Legrenzi sagt, wir seien in Katastrophenzeiten überhaupt nicht auf Ablenkung gepolt. Vielmehr laufe es so: Erst Unterschätzung, dann Angst, dann Panik, dann Erleichterung. Was uns in Italien angeht, sind wir exakt zwischen Phase zwei und drei, also zwischen Angst und Panik. Und da schafft man es offenbar nicht, sich auf irgendetwas vollkommen Abwegiges zu konzentrieren. Weil man beim Seriengucken sowieso immer die anderen Bilder im Hinterkopf hat. Die Schreckensbilder der Realität.

Seitdem ich das kapiert habe, bin ich auf dem Zauberberg. Also im Roman von Thomas Mann. Absolut das Buch zur Lage. Es geht um Quarantäne, es geht um Lungen, es geht um die Welt der Kranken und den fernen Planeten der Gesunden („im Flachland“).

Es geht also um uns.

Versione 2

 

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