Dorf-Solidarität

Manche kapieren es früher, andere später, nur Donald Trump kapiert es wahrscheinlich nie: Man kann sich Gesundheit nicht kaufen. Und man kann die so genannte Corona-Krise nicht allein bewältigen. Nicht als einzelner und nicht als Staat.

In die Dorf-Festung platzte am Wochenende die Nachricht, dass im Nachbarort zwei Menschen erkrankt sind. Natürlich wissen alle, um wen es sich handelt und in der Schlange vor dem Bäcker lauteten manche Kommentare so, dass man sich spontan wünschte, gleich nach dem Impfstoff gegen Corona solle bitteschön ein Mittel gegen die Dummheit gefunden werden. Letzteres wird dann wohl nicht in Erfüllung gehen, obwohl es doch längst erwiesen ist, dass Dummheit nicht nur in Krisenzeiten den allergrößten Schaden anrichtet. Eine Frau sagte, die Betroffenen hätten keine Schuld daran, dass das Virus sie erwischt habe. Sie führten nämlich ein Geschäft und seien wahrscheinlich von ihrer Kundschaft angesteckt worden. Schuld! Als ob das überhaupt die Frage sein könnte! Das Dorf kann gruselig sein.

Während ich also solche Gedanken hegte, hörte ich über mir die Stimme von Orietta. Sie stand auf ihrem Balkon, rauchte eine und zischte: „Gehst du immer noch ohne Maske einkaufen?“ Ich antwortete, ich hätte keine. Woher nehmen? „Warte“, befahl Orietta – überflüssigerweise, ging in ihre Wohnung und warf mir ein kleines Päckchen vom Balkon. Drinnen, in Plastik, zwei Masken. „Auskochen, trocknen lassen, aufsetzen!“

Das ist Dorfsolidarität. Helfe allen, damit es allen hilft.

Italien bedrückt in diesen Tagen auch die mangelnde Solidarität der EU-Partner, namentlich jener Staaten im Norden, die so tun, als seien die verheerenden Zustände im Süden doch irgendwie hausgemacht. Die also allerhöchstens neue Kredite an Spanien und Italien vergeben wollen, als wäre deren Notsituation nur eine Neuauflage der Finanzkrise. Die Deutschen vertreten (noch) diese Position, aber die Hardliner sind diesmal die Niederländer. Es ist irre: Die Fragilität der unter der Schuldenlast zusammengesparten Gesundheitssysteme Italiens und Spaniens werden implizit für das Desaster verantwortlich gemacht. Weil sie sich kaputtgespart haben, sollen die Südländer jetzt noch mehr Schulden machen, um irgendwelche Kriterien zu erfüllen, die auch im Norden schon obsolet werden. Als sei die bessere Ausstattung mit Beatmungsgeräten eine Belohnung für gutes Wirtschaften und die Katastrophe in der Lombardei die Bestrafung für Schlendrian. Dabei haben Deutschland und andere ein wenig Glück im Unglück gehabt, die Italiener hingegen kolossales Pech. Das Virus grassierte hier, wie man jetzt weiß, schon seit Ende Dezember. Italien ist einfach früher betroffen worden, ohne dass die Ärzte im Norden ahnten, wieso auf einmal so viele ältere Menschen an Lungenentzündung starben.

In der SZ hat der Ökonom Achim Truger, einer der Wirtschaftsweisen der Bundesregierung, dazu ein paar kluge Gedanken geäußert. Die EU-Staaten müßten „verhindern, dass die Finanzmärkte gegen Italien und Spanien spekulieren und die staatlichen Finanzierungskosten nach oben treiben. Wir stehen am gleichen Punkt wie in der Eurokrise. Damals wurde lange gezögert, die Schuldenstaaten erhielten kein Vertrauen. Wenn wir zögern wie in der vergangenen Krise, bricht der Euro auseinander – und wahrscheinlich die EU.“

Truger ist für Corona-Bonds, die gemeinsam zurückgezahlt werden. „Die Auflagen dürfen nicht scharf sein. Viele Länder in Südeuropa haben in der Eurokrise stark gelitten. Italien und Spanien wollen sich nicht an den Eurorettungsfonds ESM wenden, weil sie an den Finanzmärkten abgestempelt werden könnten. Alle Länder sollten beim ESM Hilfe beantragen, dann ist keiner stigmatisiert.“

Sobald sich die Wirtschaft erhole, würden die Schulden tragbar sein, sagt der Experte. „Zu überlegen ist, ob die EZB einen Teil der Corona-Anleihen aufkauft und stilllegt, um die Schulden zu reduzieren. Als eine Art Stunde null. Wenn das wirklich die größte Krise seit dem Krieg ist, sollte man groß denken. Was hilft es uns, wenn wir in Deutschland das Virus und die Wirtschaft in den Griff kriegen, aber die anderen Euroländer es nicht tun? Die Krise ist nicht der Moment für Erbsenzählerei.“ Oder, wie es Romano Prodi flapsiger formulierte: An wen wollen die Holländer eigentlich ihre Tulpen verkaufen, wenn diese Geschichte endlich ausgestanden ist?

Zum Abschluss wieder ein Italien-Bild. Diesmal aus dem Freskenzyklus von Sodoma im Kloster von Monte Oliveto Maggiore. Wenigstens im Moment sollten wir das Wie-Hund-und-Katze-Sein den Hunden und den Katzen überlassen.

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