Von Grafen und Gefangenen

Die Zeit der Quarantäne – soeben ist sie auf die Woche nach Ostern verlängert worden – führt dazu, dass man seine Familienangehörigen und FreundInnen entweder dauernd sieht, weil man mit ihnen eingeschlossen ist. Oder halt überhaupt nicht. In meinem Fall ist die Isolierung von meinem gesamten Umfeld seit dem 9. März total. Aber auf dem Land genießt man immerhin das ungeheure Privileg, an der frischen Luft sein zu dürfen. Man kann spazieren gehen! Gerade hat das Innenministerium zwar Eltern mit Kindern erlaubt, einen kleinen Gang zu machen – jedoch nur in unmittelbarer Nähe der Wohnung. Radius 200 Meter. Den Regionen Lombardei und Kampanien ist selbst das zuviel. Sie halten die Freigabe des Mini-Spaziergangs für das falsche Signal. Italien ist noch nicht über den Berg. Noch lange nicht. Ein Land gefangen in den Klauen der Lungenpest, das den Gefangenenchor, diese heimliche Nationalhymne, in den Wohnzimmern singt.

Ich bin noch nie soviel gelaufen wie in diesen Wochen. Täglich acht bis zehn Kilometer, allein, durch die Felder. Ich laufe dem Virus, vor allem aber der eigenen Einsamkeit davon. Den Schreckensnachrichten, den Schreckensbildern. 12.500 Tote, als wären wir in einem Krieg. Nur weg davon, laufen und laufen, damit man nachts überhaupt schlafen kann. Manchmal treffe ich draußen auf meine Nachbarn aus dem übernächsten Haus, einen erlaubten Stadtspaziergang von 200 Metern entfernt. 20 Jahre lang sind unsere Beziehungen nicht über einen freundlichen Gruß hinausgegangen. Jetzt bilden wir eine Notgemeinschaft in gemeinsamen Wanderungen mit Sicherheitsabstand.

Meine Nachbarin A. kennt sich aus mit Zwangsisolierung. Sie ist eine beeindruckend toughe Mittsechzigerin, vor ihrer Pensionierung leitete sie eines der beiden römischen Gefängnisse. Ihr Mann, ein überaus freundlicher und leiser Signore, war im Gefängnis von A. der Arzt. Die beiden sind die perfekte Gesellschaft in diesen Zeiten, abgeklärte, lebenserfahrene Menschen, die wissen, was es wirklich bedeutet, eingesperrt zu sein. Und mich daran erinnern, dass unsere Sozialsperre dagegen ein Spaziergang ist.

Vor Wochen gab es in Italiens Gefängnissen Revolten und Ausbruchsversuche gegen eine Verordnung, die im Zuge des allgemeinen Lockdown für die Dauer-Eingeschlossenen auch noch Hafturlaub und Besuche strich. 12 Menschen starben. Eine Ungeheuerlichkeit, die im allgemeinen Corona-Schrecken unterging.

Italiens Haftanstalten sind dauerüberfüllt, quasi im Jahrestakt hagelt es deshalb Ermahnungen vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Ich habe aber auch Modell-Gefängnisse erlebt, vielleicht nicht von ungefähr handelte es sich um die beiden letzten Haftanstalten auf Inseln. Die eine ist Nisida, ein winziges Eiland, das durch eine Brücke mit Neapel verbunden ist. Auf Nisida befindet sich das Jugendgefängnis. Die Insassen sind Jugendliche, die dort zum ersten Mal Mannschaftssport treiben können (Straßenfußball gibt es in Neapel schon seit vielen Jahren so gut wie gar nicht mehr), die sich handwerklich betätigen, die zur Schule gehen. Das alles in einer Festungsanlage aus bourbonischer Zeit, mit Blick auf Golf und Vesuv.

Die andere Gefängnisinsel heißt Gorgona und gehört zu Livorno. Dorthin führt keine Brücke, man muss einen Antrag stellen und mit einem Polizeiboot fahren, 34 Kilometer über das Tyrrhenische Meer.

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In der griechischen Mythologie waren die Gorgonen wilde Monster, das berühmteste unter ihnen war die Medusa, deren Schreckensblick Menschen versteinern ließ. Und aus Stein, genauer aus kargem, grauen Fels ist auch die Insel Gorgona. Zwei Quadratmeter groß, nur sieben Dauerbewohner plus rund 70 Gefangene und ihre Bewachung. Die Nachbarinsel ist Montecristo, wo Alexandre Dumas seinen Roman „Der Graf von Monte Christo“ spielen ließ, übrigens ein fantastischer Schmöker für diese langen Wochen, richtig mitreißende, saftige Unterhaltungsliteratur.

Nach Gorgona brachte mich vor Jahren der Marchese Frescobaldi, ein berühmter und sehr reicher Weinbauer aus Florenz. Frescobaldi lässt seit 2011 Wein auf der Insel anbauen, die Strafgefangenen pflegen und ernten die Trauben. Der Vino schmeckt nicht schlecht, ist aber mit rund 80 Euro pro Flasche unfassbar überteuert, wofür Frescobaldi natürlich die Ausrede parat hat, die Anbaubedingungen seien derart schwierig, dass er dabei noch draufzahle. In Wirklichkeit lässt er sich die Exklusivität des Gefängnisweins teuer bezahlen. Gorgona-Wein gibt es halt nur einmal auf der Welt. Der Marchese propagiert ihn mit dem berückend geschmacklosen Slogan „Ein Wein mit dem Geschmack nach Freiheit.“

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Einer der Arbeiter im Weinberg dieses Florentiner Edlen war Benedetto Ceraulo. Ein drahtiger Mann mit einem fein geschnittenen Gesicht und einer ruhigen, überlegten Art. Beruf? „Sagen wir: Maurer.“ Aber als Maurer wurde Ceraulo nicht bekannt, sondern als Killer des Modeunternehmers Maurizio Gucci. Im März 1995 tötete er Gucci vor dessen Mailänder Wohnung mit drei Schüssen in den Nacken und einem ins Gesicht. Auftraggeberin für den Mord war Guccis Ex-Frau, die dem Killer angeblich 500 Millionen Lire gezahlt hatte, umgerechnet etwa eine Viertelmillion Euro. Ceraulo kam nach Gorgona und wurde Kellermeister des Edelwinzers Frescobaldi. Für ihn sei das, so sagte der Gucci-Mörder, wie ein Sechser in der Lebenslotterie. Bezahlt wurde er nach Gefangenen-Tarif, knapp fünf Euro die Stunde.

Die Häftlinge von Gorgona sind privilegiert, weil sie einen Großteil des Tages außerhalb ihrer Zellen verbringen können. Alle arbeiten. Sechs Stunden täglich, von sieben bis 13 Uhr, sind sie mit ihrer Selbstversorgung beschäftigt. Sie melken Kühe, Ziegen und Schafe, sie schlachten ab und zu ein Schwein für Schnitzel, Braten und Wurst. Sie versorgen den großen Gemüsegarten hoch über dem Meer, den Salat, die Paprika, Kohlköpfe, Tomaten, Kartoffeln, Auberginen und Artischocken. Sie backen Brot aus dem Hartweizenmehl, das vom Festland gebracht wird. Sie produzieren ihr eigenes Olivenöl und Käse auch für andere Haftanstalten.

Wenn sie von ihrer Zeit in einem normalen Gefängnis erzählten, waren das Berichte aus der Hölle. Schaudernd erinnerten sich die Inselgefangenen an die Untätigkeit in überfüllten Zellen auf dem Festland. Dass es an allem mangelte, an warmem Wasser, an Bettdecken. Am allermeisten aber, das sagten sie alle, habe ihnen gefehlt: der Blick nach draußen. Dieses ewige Starren auf eine Mauer. Oder durch ein vergittertes Fenster aus Plexiglas auf eine andere Mauer. Die Überfahrt nach Gorgona sei ein Schock gewesen. Nur Meer, nur Weite, endlos. Auf der Insel, sagten die Gefangenen, hätten sie wieder sehen gelernt.

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