Die Eingeschlossenen

Vor einer Woche gab es im fünf Kilometer entfernten Nachbardorf zwei Infizierte. Inzwischen sind es 19. Das Dorf mit seinen knapp 2000 Einwohnern ist auf einmal einer der umbrischen Covid-19-Brennpunkte. Und ein Politikum.

Einige Ansteckungen erfolgten in der Coop, einem kleinen Laden mit engen Gängen. Das Geschäft musste für ein paar Tage geschlossen werden, zur porentiefen Großreinigung. Die Leute aus dem Dorf fuhren mangels Alternativen in den nächsten Ort, um einzukaufen. Da war dann aber die Hölle los. Man ließ die Kaufwilligen aus dem Corona-Dorf nicht in den Supermarkt. Das Personal dort verweigerte den Zutritt, im Verein mit der einheimischen Kundschaft. Der Bürgermeister aus dem Ort mit den Infizierten, ein Mann der sozialdemokratischen PD, protestierte. Der Bürgermeister aus dem Dorf mit dem offenen Supermarkt, ein Mann der Lega, blaffte zurück, er müsse jetzt seine eigenen Leute schützen, deshalb sollten die Nachbarn aus dem Pest-Nest gefälligst zu Hause bleiben. Man könne ihnen Lebensmittel bringen, das sei Solidarität genug.

Das passiert also, wenn so eine Dorf-Festung befallen ist. Ich ertappe mich dabei, Erleichterung darüber zu empfinden, dass es nicht mein Dorf ist. Natürlich ein gottserbärmlich dummer Gedanke. Schon morgen kann hier der oder die erste Positive ausgemacht werden – ach was, in der nächsten Stunde. Vielleicht bin ich es selbst. Und dann? Dann wird man, das zeigt das Beispiel des Nachbardorfs, in seinem Haus eingeschlossen, mitsamt der Familie oder den engsten Sozialkontakten. Aktuell sind das im Covid-Nest 38 Menschen. Von den 19 Infizierten sind drei im Krankenhaus, die anderen haben leichte oder gar keine Symptome.

Hier liegt das Dorf, in Nebelwatte verpackt:

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Seit Tagen bittet der Bürgermeister die Gesundheitsbehörde um mehr Tests. Die Behörde verweigert das aber. Noch nicht einmal alle 38 Eingeschlossenen wurden getestet. Erst bei eindeutigen Symptomen wird das fällig. Ansonsten gilt: Bleibt zu Hause und rührt euch nicht. Bleibt dem Staat vom Leib mit eurem Corona. Denn das Gesundheitssystem ist nicht einfach nur überlastet. Es geht überhaupt nichts mehr. Rien ne va plus.

Erst in diesen Tagen hat das Innenministerium bekräftigt, dass auch Kindern keine Bewegung an freier Luft zugestanden wird. Seit vier Wochen sind die Schulen geschlossen, seit zwei Wochen die Fabriken. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, wann es wieder anders werden könnte, stattdessen täglich neue, niederschmetternde Zahlen. Um die 3000 Neuansteckungen, um die 700 Tote. Täglich. Während es in Deutschland ein Thema ist, wie Schüler aus Neuseeland zurückgeholt und Reisebuchungen für den Sommer erstattet werden, überlegt die Regierung hier, wie man noch mehr Polizisten auf die Straße bringt, um zu kontrollieren, dass sich die Menschen nicht mehr als 200 Schritte von ihren Wohnungen entfernen. Gestern, am Samstag vor Palmsonntag wurden 9.300 Geldbußen wegen Verstößen gegen die Ausgangssperre verhängt. An Ostern sollen sämtliche Autobahnausfahren gecheckt werden. Das zeigt, wie groß die Verzweiflung der Regierung ist. Aber auch ihr Unvermögen. Keine Tests, keine Masken, keine Erleichterungen. Nur Verbote und Lebensmittelgutscheine, für die Armen.

Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, zappe ich manchmal durch die deutschen Fernseh-Talk-Shows. Sehe SchauspielerInnen, die aus ihren Wohnzimmern zugeschaltet sind oder mit Sicherheitsabstand in Studios sitzen, vor sich Obst und Getränke. Die ihre neuen Bücher oder Filme anpreisen und sich darüber verbreiten, was sie kochen, wer bei ihnen zu Hause putzt oder wie anstrengend es ist, mit ihren Kindern Schulaufgaben zu machen. Es werden Psychologinnen eingeladen, die Tipps zur Bewältigung von Ehekrisen geben. Offenbar ist es für deutsche Ehepaare ein Problem, viel Zeit miteinander zu verbringen. Wenn man deutsche Talkshows sieht, hat man das Gefühl, das Land mache gerade ein paar Wochen Zwangsferien, mit Rücksicht auf die ältere Generation. Die Jüngeren leiden ein bisschen darunter, dass sie gerade nicht an den Gardasee fahren können.

Okay, Talkshows bilden natürlich nicht die Realität ab. Aber vielleicht spiegeln sie ja doch ein wenig die Stimmung wider. Wenn ich lese, dass die bayerische Bergwacht die Münchner angefleht hat, auf ihre Wochenendausflüge zu verzichten, dann weiß ich jedenfalls, dass Italien in diesem Moment von Deutschland sehr viel weiter entfernt ist als das Fernseh-Gequatsche von der Wirklichkeit.Unsere ist: Wir dürfen noch nicht mal ins Nachbardorf fahren.

Wollen wir aber auch gar nicht.

 

 

 

 

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