Die Liebe in Zeiten von Corona

Es sind schlechte Zeiten für die Wirtschaft, aber darüber sollen sich andere verbreiten. Tun sie ja auch zu Genüge (wobei die meisten davon ausgehen, dass wir KonsumentInnen nachher willig konsumieren wie vorher. Ich bin mir da nicht so sicher, weil ich gerade vor allem lerne, was ich alles NICHT brauche.)

Es sind schlechte Zeiten für die Liebe. Für jene, die jetzt einen geliebten Menschen verlieren, ohne sich von ihm verabschieden zu können. Das ist das Schlimmste. Aber dann gibt es auch die vielen Liebenden, die sich nicht sehen können. Junge Leute mt ihren Fernbeziehungen, oft in zwei verschiedenen Ländern. Die Generation Erasmus, Heerscharen von Europäern, die bis gestern noch der Arbeit oder der Liebe wegen ins Flugzeug stiegen wie weiland ihre Großeltern in die Straßenbahn. Für sie ist die Liebe jetzt wie eingefroren auf dem kalt leuchtenden Rechteck des Smartphones oder des Computers. Enttäuschend wie diese verheißungsvoll glitzernden Schmetterlinge auf einer Mauer in Rom: Pures Plastik.

 

DSC_0352

Und dann gibt es tatsächlich zwei, die sich finden. Auf Distanz, von Balkon zu Balkon, in Verona.

Verona. Balkon. Da war doch mal was.

„But soft! What light through yonder window breaks? It ist the east and Juliet is the sun! Arise, fair sun, and kill the envious moon, who is already sick and pale with grief.“

Hier spricht ein gewisser Romeo Montague, der widerrechtlich im Garten der Familie Capulet herumlungert, um einen Blick, ein Wort und einen Kuss seiner angebeteten Julia zu erhaschen.

„With love’s light wings did I o’er perch this walls; for stony limits cannot hold love out.“

Michele D’Alpaos formuliert das etwas schlichter. Er hat auf seiner Terrasse ein Bettlaken mit dem aufgepinselten Namen „Paola“ montiert. Paola ist seine Nachbarin. Sie wohnt im sechsten Stock der Via Cimarosa 8 in Verona und Michele wohnt im siebten Stock in der Via Cimarosa 9. Michele ist 38 Jahre alt, Bankangestellter. Paola ist 39 Jahre alt und Rechtsanwältin. Jahrzehntelang sind sie einander nicht aufgefallen. Aber dann kommt der 17. März, die Ausgangssperre, ein Balkonkonzert. Paolas Schwester spielt auf ihrer Geige „We are the Champions“ von Queen. Michele hört zu. Und sieht Paola, neben ihrer Schwester. Er macht sie auf Instagram ausfindig – und so fängt es an: „Wir telefonieren zehn Mal am Tag und schauen uns über Stunden einfach nur an, von Balkon zu Balkon.“ Mehr sei noch nicht gewesen, schwören beide. Die Kontaktsperre!

„Nie hätte ich gedacht, in solch einer Situation so starke Gefühle empfinden zu können“, sagt sie. Dabei ist verbotene Liebe doch ein Klassiker. Nachschlagen bei Shakespeare: Nachts schläft in Verona auch die Polizei.

 

 

 

3 Gedanken zu “Die Liebe in Zeiten von Corona

  1. Liebe Birgit Schönau,
    ich betreibe einen Blog namens „Die Liebe in Zeiten von Corona“ und habe dort heute Bezug genommen auf diesen Blogeintrag, weil er gerade so gut passt – und so gut tut.
    Sie können das ab 19 Uhr lesen unter:
    weibtisch.wordpress.com
    Titel des Beitrags: „Schlag nach bei Shakespeare“
    Ich habe auf Ihren Blog verlinkt. Hoffe, das ist Ihnen so recht.
    Kollegiale Grüße,
    Christiane Nitsche

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s