Bücher schmücken ein Zimmer

Books do Furnish a Room, das ist der Titel von Band 10 in Anthony Powells Romanzyklus „A Dance to the Music of Time.“ Der Autor lässt offen, ob der Mann, dem er diesen denkwürdigen Satz zuschreibt, ihn hervorstößt, während er sich nackt seiner auf dem Sofa hindrapierten Geliebten nähert. Oder während er von einem umstürzenden Bücherregal getroffen wird wie Johannes XXI am 14. Mai 1277. Der portugiesische Papst hat das nicht überlebt, weil mit seinen Büchern tragischerweise der halbe Dachstuhl der Bibliothek herunterkam. Übrigens in Viterbo, wohin sich die Päpste damals aus Angst vor den Römern zurückgezogen hatten. Wenn es soweit ist, fände ich es auch unbedingt schicker, von meinen Büchern getötet zu werden als von der Straßenbahn, wie der unglückliche andere große Portugiese Fernando Pessoa.

Aber zurück zu Powell, den ich an dieser Stelle dringend empfehlen möchte. Man hat erstens eine Weile zu tun mit seinem Romantanz, zweitens amüsiert sich man sich dabei, weil es drittens um die britische Literatur- und Partyszene geht, also angenehmerweise um nichts. Die Bände, die sich vornehmlich um den Weltkrieg drehen, überfliegt man am besten. Da geht es nämlich auch um nichts, außer darum, wie die Londoner Elite den Krieg zum Karrieremachen nutzte. Nach 30, 50 Seiten hat man es kapiert und kann zur Nachkriegszeit übergehen.

Wenn man das tut, rettet man sich also in den sehr unterhaltsamen Band „Bücher schmücken ein Zimmer“ und stößt unter anderem auf so einen Satz: „Ich habe mich vom zeitgenössischen Leben abgewendet.“ Was soll ich sagen – das trifft’s.

Im zeitgenössischen Leben ziehen Deutsche vor Gericht, um ihren Osterspaziergang an der Ostsee durchzudrücken – und kriegen Recht. Der eigene Vater (78, mehrere Vorerkrankungen) ruft an, beklagt sich, dass er hinter seiner von der Schwiegertochter genähten Schutzmaske „kaum Luft“ kriegt und sie deshalb nicht aufzieht, „denn hier haben wir eigentlich alles im Griff“, bis auf die 30.000 in den Krankenhäusern, mehr als in Italien. Im zeitgenössischen Leben wird der Lockdown für uns ItalienerInnen bis zum 4. Mai verlängert, die Leute dürfen an Ostern ihre Wohnungen nur verlassen, wenn sie zum Notarzt müssen. Die Carabinieri fahren vorsorglich schonmal Streife, sogar durch die Olivenhaine. Täglich kommen neue, entsetzliche Details ans Tageslicht darüber, wie im Norden des Landes kranke, alte Menschen einfach sich selbst überlassen wurden und zu Hause sterben mussten. Im zeitgenössischen Leben zeichnet sich außerdem eine drohende Staatspleite ab, während die Pfennigwuchser der sich gerade auflösenden EU noch um die Hilfen für die Südländer feilschen. Die Brüsseler Abteilung für Demokratie und Grundrechte ist derweil wegen Corona geschlossen, was man an den Beispielen Ungarn und Polen sieht, die sich gerade ungestraft von der einen wie den anderen verabschieden dürfen. Die Bundesliga will wieder spielen. Fußball! Ohne mich.

Ich wende mich vom zeitgenössischen Leben ab. Aber mit dem größten Vergnügen.

 

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Meine Zeitgenossenschaft beschränkt sich gerade darauf, das letzte Grünzeug aus dem Gemüsegarten zu klauben (je, genau, richtig gesehen: Cime di rapa und Zwiebelchen) und neues zu pflanzen. Im Dorf hat jetzt ein Landhandel aufgemacht. Das Geschäft der Stunde! Es ist der langsamste Landhandel Italiens, unter 40 Minuten kommt man da nie raus, aber egal. Hauptsache, Salat, Tomaten, Auberginen, Paprika, Zucchini. Blumen gibt’s nicht, weil nicht systemrelevant.

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Und dann wären da noch die Mandeln vom letzten Herbst. Zu öffnen mit einem Stein auf der Gartenmauer. Nussknacker eignen sich nach meiner Erfahrung nämlich nicht dazu. Ein Baum, 300 Gramm netto.

Mandeln schmücken den Osterkuchen wie Bücher ein Zimmer. Mindestens.

5 Gedanken zu “Bücher schmücken ein Zimmer

  1. Liebe Mitfußballkommentatorin – seit geraumer Zeit (was für ein Ausdruck dieser Tage) lese ich dieses Tagebuch, aber nie war mir ein Eintrag tröstlicher als dieser. Ehrlich.
    Stefan Erhardt (a.k.a. Der tödliche Pass)

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  2. Gleðilega páska aus Island, liebe Birgit, es macht so viel Freude, Deine Geschichten aus Italien zu lesen, die traurigen wie die lustigen, denn geistreich sind sie immer, fabelhaft geschrieben sowieso, und angenehmerweise geht es nie um nichts.
    Liebe Grüße, Jochen

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