Merkel und die sieben Samurai

Je lauter sich die Italiener – Regierung, Opposition und fast ausnahmslos alle Medien – über die Deutschen und deren mangelndes Mitgefühl für Italien beschweren, desto stärker wird meine Empathie für Frau Merkel. Nicht, dass ich sie jemals gewählt hätte, das Kreuz bei der CDU zu machen, ist mir genetisch nicht mitgegeben. Kennen gelernt habe ich sie nur flüchtig, bei einem Empfang in der römischen Basisgemeinde St- Egidio, in der einige Mitglieder meiner italienischen Familie engagiert sind.

Und doch stelle ich mir jetzt Angela Merkel vor, der hinterbracht wird, wie markig ihr italienischer Amtskollege Giuseppe Conte Hilfen von der EU und speziell von Deutschland einfordert. Er werde erbittert für Eurobonds kämpfen, sagte Conte vor ein paar Tagen bei einer Fernsehansprache. Der EU-Rettungsschirm sei für Italien nicht das passende Instrument.

Ich bin auch für Eurobonds. Mehr Europa bitte! Gemeinsame europäische Finanzpolitik, Flüchtlingspolitik, Gesundheitspolitik, davon träumt man ja nicht erst seit Ausbruch der Seuche. Trotzdem stört mich das Getrommel von Conte, der übrigens von seinem Vorgänger Romano Prodi postwendend ermahnt wurde, doch erstmal das Geld aus dem Rettungsschirm zu nehmen. Italien könne es sich nämlich gerade wirklich nicht leisten, wählerisch zu sein.

Der parteilose Conte regiert Italien seit knapp zwei Jahren, vorher war er ein außerhalb seines Fachgebiets vollkommen unbekannter Professor für Vertragsrecht an der Uni Florenz. Im ersten Jahr repräsentierte er eine Koalition aus der rechtsextremen Lega Nord und den spinnerten Fünf Sternen. Dann machte Contes Stellvertreter Matteo Salvini den kapitalen Fehler, aus einer Strandbar an der Adria die Koalition zu kündigen und Neuwahlen zu verlangen. Conte und die Fünf Sterne setzten Salvini vor die Tür und regieren seither mit der sozialdemokratischen PD.

Salvini ist Führer einer stramm rechten Opposition, die aus der Lega, Fratelli d’Italia und Berlusconis Mumienverein Forza Italia besteht. Ein Bündnis offen rassistischer, autoritärer rechter Hetzer, die das Parlament für eine Quatschbude halten und Bürgerrechte für Schickeria-Schnickschnack. Natürlich ist Merkel froh, dass sie nicht mit Salvini verhandeln muss, klar ist ihr Conte lieber. Aber zu behaupten, dass Salvini davon profitiert, wenn Deutschland Italien jetzt nicht die geforderten Milliarden schickt, ist Blödsinn. Man kann nicht Brüssel oder Berlin dafür verantwortlich machen, dass die Lega in Umfragen immer noch die stärkste Partei ist. Dafür, dass Populisten in Italien seit einem Vierteljahrhundert politisch den Ton angeben, gibt es wirklich ganz andere Gründe. Einer davon könnte sein, dass die Italiener in der EU die wenigsten Zeitungen und die wenigsten Bücher lesen und die wenigsten Akademiker haben. Gegen die Salvinis dieser Welt schützt Bildung nachweislich besser als Geld.

Bevor Professor Conte auf den Plan trat, hatte Frau Merkel es bereits mit sechs anderen italienischen Ministerpräsidenten zu tun. Zuerst mit Silvio Berlusconi, dann mit Romano Prodi. Darauf kam wieder Berlusconi, der erst zurücktrat, als er Italien an den Rand der Staatspleite gebracht hatte. Mario Monti übernahm, gefolgt von Enrico Letta, Matteo Renzi, Paolo Gentiloni. Schließlich Conte. Berlusconi räsonierte darüber, dass die Kanzlerin mangels körperlicher Vorzüge keine Chance hätte, in seinen Harem aufgenommen zu werden und schlief bei Treffen regelmäßig ein: Sein Nachtleben war zu stressig. Renzi startete in Berlin mit einer Charmeoffensive, um in Rom verlauten zu lassen, Mutti Merkel fresse ihm schon aus der Hand. Conte zeigte anfangs Demut und jetzt die Zähne.

Merkel und die sieben Samurai. Sieben italienische Männer, allesamt überzeugt davon, es im Grunde besser zu können als die deutsche Frau. Realexistierende Anzeichen dafür: keine. Im Gegenteil. Die Staatsverschuldung ist auf 134 Prozent der Wirtschaftsleistung gewachsen, der Graben zwischen Nord- und Süditalien so tief wie nie, die Mafia keineswegs besiegt, die Akademikeremigration nach Nordeuropa rasant gestiegen.

Das alles vor Corona. Jetzt ist die Situation natürlich noch dramatischer. Seit nunmehr fünf Wochen stehen Italiens BürgerInnen quasi unter Hausarrest, und doch gibt es immer noch täglich 500 Tote mehr. Während im Norden das Gesundheitssystem kollabiert, werden im Süden Polizeihubschrauber zur Jagd auf vereinzelte Strandspaziergänger oder Partygäste auf Dachterrassen eingesetzt. Deutschland diskutiert über Schulöffnungen, Italien darüber, ob im Sommer Plexiglas-Vorrichtungen auf die Strände gestellt werden sollen. Als ob irgendjemand hier in den Urlaub fahren könnte. Noch immer gibt es keinen Plan für die so genannte zweite Phase, stattdessen wird die erste Phase der Vollsperrung eines ganzen Landes immer weiter verlängert. Die italienische Politik befindet sich in Schockstarre, sie hat panische Angst davor, dass das Virus auch im bislang verschonten Süden explodieren könnte und keinerlei Instrumente zur Bewältigung der Krise.

Die Wahrheit ist: Das bislang von der EU zugestandene Geld reicht bei weitem nicht aus. Italien wird ein Fass ohne Boden sein.

Frau Merkel weiß das natürlich. Und Giuseppe Conte ahnt es vielleicht auch.

 

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