Borgo

Der italienische Architekt Stefano Boeri ist weltbekannt durch seine Projekte zur Begrünung von Großstädten oder Megastädten. Boeri arbeitet in Mexiko, China und Ägypten, gefeiert wurde er für die begrünten Hochhäuser seiner Heimatstadt Mailand. Seine Architektur zielt darauf ab, die Kultur- und Geldmetropolen mit reichlich Grün auszustatten, also eine straff domestizierte Natur in den urbanen Raum zu holen. Jetzt aber macht Boeri auf einmal Werbung für den Borgo.

Der Borgo ist das italienische Dorf, gewöhnlich wie ein Nest malerisch auf einem Hügel drapiert. Es gibt abertausende von solchen Dorfhügeln oder Hügeldörfern in Italien, im Norden wie im Süden, auch wenn man sich im Ausland meistens die in der Toskana oder in Umbrien vorstellt. Manche dieser Borghi sind fast schon kleine Städte, andere sind wirklich kleine Käffer, so wie mein umbrischer Borgo, dessen winziges Centro Storico aus einer Piazza, zwei Straßen und einer Aussichtsterrasse über dem Tibertal besteht.

Boeri rechnet vor, dass es 5.800 Orte mit weniger als 5.000 Einwohnern gebe und dass von denen 2.300 so gut wie verlassen seien. Es handelt sich zumeist um abgelegene Orte, abgeschnitten vom öffentlichen Transportwesen und nur über gewundene Landstraßen zu erreichen. Diese Orte, so fordert der weltberühmte Architekt, sollten jetzt von den italienischen Großstädten „adoptiert“, also mit Investitionen zu neuem Leben erweckt werden. Die Corona-Krise habe nämlich gezeigt, dass man in einem Borgo viel besser leben könne als in der Stadt. Wer über eine Zweitwohnung auf dem Land verfüge, der werde sich künftig über längere Zeiträume dorthin verflüchtigen.

Diese Zweitwohnungen darf man sich übrigens nicht in Villengröße vorstellen. Viele Italiener haben sie geerbt, andere günstig gekauft (in meinem Dorf ist man ab 30.000 Euro im Borgo dabei), um während der dreimonatigen Sommerferien der Kinder einen Platz fernab der glühend heißen Stadt zu haben. Die „seconda casa“ ist sehr viel verbreiterer als in Deutschland. Italienische Familien reisen weniger und kehren im Sommer lieber an jenen Ort zurück, aus dem Eltern oder Großeltern einst in die Stadt aufgebrochen sind.

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Boeris Vorstoß wurde von den Dorfverbänden mit gemischten Gefühlen aufgenommen: Warum rücken die Borghi eigentlich nur in Krisenzeiten in den Focus? Im übrigen ist es ein typisches Großstädter-Klischee, dass das Leben mit Miss Corona hier einfacher ist als in der Stadt. Erstens kann ein Dorf, wie der Fall unseres Nachbarortes beweist, im Nullkommanichts zur Falle werden. Da reichen 30 Infizierte – ein Zehntel von ganz Umbrien – um über Wochen als „Rote Zone“ abgeriegelt zu werden, in die niemand hineindarf und aus der keiner herauskommt. Weil das auch für die Ärzte gilt, haben wir in unserem Dorf seit Wochen keinen Hausarzt mehr, denn der befindet sich in der „Zona Rossa.“ Krank werden ist gerade noch schwieriger als sonst.

Zweitens gelten die Beschränkungen für Städter wie Dörfler gleichermaßen. Die Vorschrift, sich nicht weiter als 200 Meter vom eigenen Wohnhaus zu entfernen, ist in einem Borgo natürlich absurd – je weiter man läuft, desto weniger Menschen trifft man ja. Im Moment trifft man jedoch vor allem: die Polizei. Und wenn ab dem 4. Mai endlich wieder Bewegung im gesamten Wohnort erlaubt ist, gleichgültig, ob zum Spazieren gehen oder zum Einkaufen, dann gilt das für den Wohnort Rom ebenso wie für den Wohnort Borgo. Der gesamte Wohnort ist hier halt sehr klein. Viele haben vor der Krise ganz selbstverständlich im nächst gelegenen Supermarkt eingekauft. Aber der liegt nicht nur im Nachbarort, sondern sogar in der Nachbarregion. Zwar nur zehn Kilometer entfernt, aber laut Vorschrift unerreichbar.

Das größte Problem haben die Pendler. Fast alle hier im Dorf müssen weit zur Arbeit fahren, die meisten mit dem Zug nach Rom. Bislang war das die billigste und schnellste Möglichkeit – allein die Autobahnmaut in die 80 Kilometer entfernte Hauptstadt kostet hin und zurück schon neun Euro. Aber ob und wie die chronisch überfüllten Pendlerzüge verkehren, ob demnächst endlich mehr zur Verfügung gestellt werden oder, im Gegenteil, vielleicht noch weniger fahren, das steht zurzeit noch in den Sternen.

Die Gewerbetreibenden im Dorf überleben im Moment, wenn sie einen der vier Lebensmittel-Läden betreiben. Vier alimentari für 1000 Einwohner, das ist viel. Das Geschäft brummt. Aber da wären auch noch zwei Friseure, zwei Restaurants, eine Bar und einige Handwerksbetriebe. Alle geschlossen. Die Dörfler fühlen sich in diesem Moment so abgehängt wie nie. Normalerweise kommen im Frühling die Besitzer der seconde case – und weil da auch richtige Landhäuser dabei sind, die von Leuten nicht nur aus Rom, sondern auch aus den europäischen Hauptstädten bewohnt werden, bringt das Geld ins Dorf und in die gesamte Gegend. Jetzt aber ist alles blockiert. Und wer weiß, wie lange noch.

Italiens Borghi sind Kleinode. Aber sie sind in Gefahr. Nicht erst seit heute, doch heute besonders.

 

 

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