Wenn der Barbiere geht

Eine Whatsapp-Nachricht von Vincenzo: Er gehe in Pension. Nach drei Monaten Zwangspause wolle er nicht mehr weitermachen und überlasse die Wiedereröffung des Salons im Juni seinem Kollegen.

Vincenzo ist der Friseur meines Mannes. Oder vielmehr: Er ist der Barbiere der Familie, seit Generationen. Mein Schwiegervater, Jahrgang 1919, lernte Vincenzo als Laufjunge bei seinem Barbiere kennen. Da war Vincenzo 15 Jahre alt und aus der Provinz Cosenza, Kalabrien, gerade in Rom eingetroffen. Fast 60 Jahre ist das her. In der Zwischenzeit machte Vincenzo sich selbständig mit einem eigenen Salon in der Via Genova, einer Seitenstraße der zentralen Via Nazionale. Er avancierte zum Barbiere von Politikern, Funktionären der nahe gelegenen Banca d’Italia, von hochrangigen Polizisten, denn auch das Innenministerium und das Polizeipräsidium sind nicht weit entfernt. Vor allem aber wurde Vincenzo ein Teil unserer Familie, auch die Frauen kennen ihn gut. Denn mit meinem Schwiegervater kamen bald seine drei Söhne und mit ihnen kamen wieder deren Söhne (meiner beschloss allerdings schon mit elf, dass Vincenzos Haarschnitt für ihn zu konservativ war). Der zierliche Barbiere nahm Anteil an unserem Leben, er besuchte den Schwiegervater, als der nicht mehr zu ihm kommen konnte, schließlich verabschiedete er ihn, diskret bewegt. Und er brachte jeden Sommer aus Kalabrien einen unübertrefflich würzigen Berg-Oregano mit, der aus unserer Küche überhaupt nicht mehr wegzudenken ist.

Versione 2

Das oben ist nicht Vincenzos Salon, sondern der eines Kollegen in Bologna. Aber auch Vincenzo trägt natürlich immer einen sorgfältig gebügelten Friseurkittel aus dicker, weißer Baumwolle. Seine dichten grauen Haare liegen perfekt und er verströmt einen dezenten Duft nach Bergamotte, der wundervoll herb-aromatischen Zitrusfrucht aus seiner Heimat.

Mit Mitte Siebzig darf man natürlich in Pension gehen. Aber wie schade, dass es nun so gekommen ist: Ein erzwungener, resignierter Abschied in der Corona-Krise, eher ein Aufgeben als ein Loslassen. So geht das alte Italien.

Vincenzo ist übrigens Laziale. Nobody is perfect.

 

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