Die Parallelaktion

Wie es aussieht, bin ich genau zum richtigen Zeitpunkt aus dem Sportjournalismus ausgestiegen. Wen interessiert denn jetzt noch die schon vor Ausbruch der C-Krise gründlich heruntergewirtschaftete Serie A? Wer will angesichts der Tragödie in England die Spieler der Premier League laufen sehen, allen Ernstes angehalten, sich nach einem Tor nicht zu umarmen und nicht in der Gegend herum zu spucken – als wenn das ein wirksamer Schutz wäre? Und wer genießt wirklich unbeschwert vor dem Fernseher die Begegnungen der Bundesliga in leeren Stadien?

Früher pflegte ich Leuten, die mir auf die Antwort nach der Berufsfrage ins Gesicht sagten: „Sport interessiert mich nicht“, zu erklären: „Fußball ist kein Sport, sondern eine Industrie.“ Inzwischen gibt sich niemand mehr die Mühe, das zu kaschieren. In Deutschland bringen sie das Arbeitsplätzeargument, in Italien geht es eher um den Frust von Cristiano Ronaldo, der nur im eigenen Garten spielen darf. Alle bis auf CR7 haben natürlich Angst vor der Pleite. Mit dem Fußball ist es wie mit der Luftfahrt, es handelt sich gerade um einen Hochrisikobetrieb. Aber der Fußball meint, auch ohne Passagiere auskommen zu können. Die C-Krise offenbart, dass Stadionzuschauer allerhöchstens eine nette Dreingabe sind, auf die man im Notfall verzichten kann. Solange die Fernsehgelder fließen. Und die Wetten laufen.

Wenn man den Uefa-Präsidenten hört, kann man sich gruseln über soviel Zynismus: „Die Wiedereröffnung der Bundesliga ist eine tolle Nachricht. Das bringt wieder Optimismus in das Leben der Menschen und ist ein Beispiel für uns alle.“  In England, Frankreich, Spanien und Italien, sogar in Deutschland wird weiter an Covid-19 gestorben. Die Zahl der Opfer geht in vielen Ländern in die Zehntausende. Unbeirrt wird an einer Parallelwelt festgehalten, in der manche Europäer auf ihrem Recht auf Fußball und auf ihrem Anspruch auf Strandurlaub am Mittelmeer festhalten. Sollen die anderen sterben, wir müssen uns amüsieren. Das Pay-TV-Abo ist schließlich bezahlt.

Nachdem in Deutschland grünes Licht gegeben wurde, wollen auch die italienischen Funktionäre wieder den Ball rollen lassen. Natürlich in leeren Stadien, aber in welchen? Bis frühestens Anfang Juni gilt hier das Verbot, von einer Region in die andere zu reisen – auch für Fußballmannschaften. Ausnahmen können nur für dringende Arbeitseinsätze gemacht werden. Aber ist ein Fußballspiel wirklich ein dringender Arbeitseinsatz?

Zurzeit sind zehn Spieler positiv, sechs bei der Fiorentina und vier bei Sampdoria. Wer glaubt, dass die jungen, durchtrainierten Männer das Virus locker wegstecken, sollte mal bei Juves Paulo Dybala nachfragen. Der 26-Jährige hat sechs Wochen gebraucht, um wieder gesund zu werden. Beim Fußball Körperkontakt zu vermeiden, ist unmöglich. Wer Fußballspiele zulässt, übernimmt die Verantwortung dafür, wenn die Beteiligten sich infizieren. Offenbar sind Profis tatsächlich moderne Gladiatoren. Man nimmt in Kauf, dass sie erkranken und dass dann eine ganze Mannschaft in Quarantäne muss. Nicht alle Profis in Italien wollen das alles riskieren. In Bergamo sagen das einige auch laut: Sie halten es für undenkbar, Fußball zu spielen, ehe die Seuche nicht besiegt ist. In Norditalien warten hunderte von Angehörigen noch immer darauf, dass ihnen die Urnen mit der Asche ihrer an Covid verstorbenen Lieben ausgehändigt werden.

Und das Publikum? Lässt es sich denn wirklich alles gefallen, Hauptsache, man guckt wieder Dortmund gegen Schalke? Und die JournalistInnen? Sollen Interviews führen wie an normalen Spieltagen? Das Produkt einfach so weiter verkaufen wie bisher? So tun, als sei das alles in Ordnung? Mit Maske am Spielfeldrand.

Vielleicht geht das Zeitalter des Profifußballs ja gerade zu Ende.

Und vielleicht ist das auch ganz in Ordnung so.

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