Dauereinsatz

Vor dem Ausbruch der Seuche standen vor dem Eingang des Supermarktes immer zwei, drei junge Nigerianer. Sie boten sich zum Einräumen der Einkäufe ins Auto an, um die Münze aus dem Einkaufswagen zu bekommen. Sie fragten nach einer kleinen Spende.

Jetzt sind die Nigerianer verschwunden. An ihrer Stelle bewacht ein maskierter  Uniformierter den Eingang, sorgt dafür, dass alle den Sicherheitsabstand in der Warteschlange einhalten, regelt den Zugang zum Supermarkt, damit der Laden nicht zu voll wird. Wer hereingeht, wird von ihm angewiesen, die bereit stehenden Plastikhandschuhe überzustreifen. Wer herausgeht, wird aufgefordert, die gebrauchten Handschuhe in eine Extratonne zu entsorgen. Das geht so seit Anfang März. Zwischendurch konnte ich ein paar Wochen nicht in den Supermarkt, weil er im Nachbarort liegt und wir unser Heimatdorf nicht verlassen durften. Inzwischen ist Einkaufen in der gesamten Region Umbrien erlaubt. Der Uniformierte steht immer noch vor dem Supermarkt, ganz allein. Zeit für ein Gespräch.

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Zweieinhalb Monate hat er an sechs Tagen in der Woche Dienst geschoben, von morgens um acht bis abends um acht. Keine besonderen Vorfälle, aber manche Leute seien schon anstrengend gewesen. Es gebe halt immer jene, die es für eine Zumutung halten, in der Schlange zu stehen wie alle anderen, und dann auch mal eine halbe Stunde warten zu müssen. Andere, die ihre Handschuhe von zu Hause mitbrächten und nicht einsähen, dass das aus hygienischen Gründen nicht gehe. Aber eigentlich: bewundernswerte Disziplin.

Wenn die Schlange schrumpft, raucht er schnell eine Zigarette. Gegen den Stress oder die Langeweile, beides ist übrigens durchaus identisch. Er steht sich ja die Beine in den Bauch bei einer wahnsinnig öden Tätigkeit, die zugleich Konzentration erfordert. Von acht bis acht.

Oben im Ort wird es langsam wieder lebendig. Die Geschäfte sind seit dieser Woche wieder offen, die Leute sind unterwegs, flanieren durch das schöne Zentrum mit den herrlichen Ausblicken in die Umgebung. Man kann endlich aufatmen, in der ganzen Region gibt es weniger als 80 Infizierte, im Ort selbst keinen mehr. Umbrien hat es erst einmal geschafft.

Unten vor dem Supermarkt sagt der Wachmann: Am 7. Juni werde ich abgezogen. Dann komme der nächste Einsatz – am Strand. Die Supermarktkunden hätten es jetzt begriffen, da werde kein Wachpersonal mehr gebraucht. Aber am Strand, da müssten die Leute erst noch lernen, wie es geht. Vor allem die Kinder und die Touristen, die möglicherweise ja doch kämen. Der Strand gelte als nächste Gefahrenzone.

Er wird natürlich seine schwarze Uniform tragen, dazu Atemschutzmaske und Handschuhe. Wachdienst geht nicht in Badehose. Und wenn in der Mittagsglut die Badegäste unterm Sonnenschirm dösen, wird er hastig ein paar Zigaretten rauchen.

Der Mann vor dem Supermarkt kann nicht ahnen, dass in Deutschland Menschen protestieren, weil sie seinen Einsatz als Freiheitsberaubung empfänden. Er weiß nicht, dass die Leute allen Ernstes gegen Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung demonstrieren. Dass sie wahlweise behaupten, die Pandemie sei nur eine Grippe oder eine biologische Waffe der Chinesen im Verein mit dem Weltjudentum und mit Bill Gates.

Der Mann vor dem Supermarkt in Umbrien hat soviel Überstunden aufgehäuft, dass es vermutlich für vier Wochen Urlaub reichen würde. Wenn er denn Urlaub machen könnte, stattdessen steht er bald in Uniform am Strand.

Ich frage mich, ob die Nigerianer wieder kommen. Was wohl aus ihnen geworden ist in dieser Zeit. Aber das ist ein anderes Thema.

 

 

 

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