Italiens Dilemma

Je näher der Juni rückt, desto mulmiger wird es uns. Mit wem man auch spricht, im Norden oder im Süden, immer fällt der Satz: „Wenn das nur gut geht.“ Ab dem 3. Juni dürfen Italiens BürgerInnen sich nach drei Monaten Reiseverbot von einer Region in die andere bewegen. Drei Monate lang haben wir aus Umbrien die Nachbarregion Latium aus dem Fenster zwar gesehen, sie ist nämlich nur fünf Kilometer Luftlinie entfernt. Aber betreten durften wir sie nicht. Erst in zwei Wochen wieder.

Die Sache ist, dass die Regierung zur allgemeinen Überraschung auch AusländerInnen erlaubt, sich ab dem 3. Juni frei im Land zu bewegen. Gleichzeitig mit den Regionalgrenzen werden die Landesgrenzen geöffnet – und das geht vielen zu schnell. Denn das Virus ist durch den strengen Lockdown stark zurück gedrängt, in manchen Regionen gibt es seit Wochen null Neuansteckungen. Andere, wie die Lombardei, verzeichnen täglich hunderte Neuinfizierte und müssen nach wie vor viele Todesfälle beklagen. Der zuständige Minister droht damit, betroffene Regionen erneut abzuriegeln. Aber wie soll das gehen, wenn die TouristInnen erstmal im Land sind?

Ministerpräsident Conte hat heute erneut an alle appelliert, Zusammenrottungen zu vermeiden. Es sei jetzt halt keine Partytime. Die Medien bringen Bilder von Gruppen junger Leute, die zum Aperitif die Bars füllen, dazu empörte Kommentare. Ganz ehrlich, verglichen mit den Bildern aus München, wo an der Isar schon wieder gegrillt wird und im Englischen Garten gefeiert, wirken die norditalienischen Bars unterbesetzt. Vor allem aber: Wie will man ausländischen TouristInnen vermitteln, dass sie in ihrem Urlaub keine Partys feiern können und sich gefälligst per App auf dem Strand ihrer Wahl anmelden – wenn sie nicht in eine Badeanstalt gehen, was in diesem Jahr noch teurer ist als gewöhnlich.

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Am besten blieben Italiens Strände in diesem Sommer so leer wie hier bei Tindari, Sizilien, im September 2018. Am besten für die Gesundheit von Natur und Mensch. Derzeit ist es noch verboten, die Liege oder das Handtuch auf dem Sand zu platzieren, nur Spazieren gehen und Schwimmen sind erlaubt. Aber das wird nicht so bleiben.

Italien braucht den Tourismus, nur deshalb werden die Grenzen so frühzeitig geöffnet. Früher als in Spanien und in Frankreich, wo das Virus ähnlich wütet, der Schuldenberg aber nicht so groß ist. Deshalb sollen sie einrollen, die BesucherInnen aus dem Norden, deshalb bleibt es deren Sensibilität überlassen, ob sie die Not ihrer Gastgeber verstehen oder nicht.

Wenn das nur gut geht.

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