Wenn die Maske fällt

Der 2. Juni ist einer der beiden Nationalfeiertage Italiens. Am 25. April wird die Befreiung vom Nazi-Faschismus gefeiert, heute das Ende des Königreichs und die Geburtsstunde der Republik. Erstmals seit vielen Jahren fiel der Pandemie wegen die Militärparade auf der von Mussolini einst just zu diesem Zweck angelegten Straße zwischen den Kaiserforen aus. Aber jede Menge Vaterlands-Rhetorik gab es trotzdem. Der „Corriere della Sera“ verteilte Atemschutzmasken in den Nationalfarben (in Deutschland käme wahrscheinlich noch nicht mal die Bild auf so eine Aktion) – und die unvermeidlichen Frecce Tricolori donnerten über den „Vaterlandsaltar“, nachdem sie zuvor schon in anderen Städten ordentlich die noch vom Lockdown reine Luft verpestet hatten. Meine Freundin Paola, deren Terrasse quasi auf das Augustus-Forum gepflanzt ist, hielt einen Moment die Luft an. Aus Angst, dass die Frecce ihr die Balkonplanzen rasieren würden.

download

Paola ist sie eine Säule des römischen Kunstbetriebs und steht politisch links. Aber sie mag die Frecce, wie die meisten Italiener. Das Ohren betäubend laute, stinkende Macho-Spektakel ist unglaublich populär. Mir ist es ein Rätsel, wieso die überhaupt noch fliegen, nach dem Unglück von Rammstein. (Zur Erinnerung: Bei einer Flugschau am 28. August 1988 stießen drei Maschinen der Frecce zusammen, eines der Flugzeuge stürzte in die Zuschauermenge. die drei Piloten starben, ebenso 31 Zuschauer. Später starben weitere 36 der mehr als 1000 Verletzten. Insgesamt gab es also 70 Todesopfer.) Heute erinnert sich kaum jemand in Italien an Rammstein und die Medien tun wenig, um das kollektive Gedächtnis zu erwecken.

Für mich sind die Frecce das gruseligste Symbol eines spezifisch italienischen Nationalismus, mit dem ich überhaupt nichts anfangen kann. Es handelt sich um eine sehr ungute Mischung aus Vergangenheits-Verdrängung, Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn. Die Italiener haben ein extrem gespaltenes Verhältnis zur eigenen Nation und einen sehr entwickelten Selbsthass. Man sieht es an ihrer populistischen Rechten: Vor ein paar Jahren verweigerte die Lega noch jede Teilnahme an den Veranstaltungen zu den Nationalfeiertagen, heute boykottiert sie natürlich den 25. April, marschiert aber zum Republikfest auf. Gemeinsam mit der neofaschistischen (viele deutsche Medien nennen sie hoffnungsvoll: postfaschistisch) Fratelli d’Italia wollte Lega-Boss Salvini heute einen Auftritt am Grab des Unbekannten Soldaten in Rom. Der Staatspräsident lehnte dankend ab. Auch, weil schon klar war, dass es sich um den Auftakt zu einer wilden Protestaktion handeln würde.

Tatsächlich mobilisierten Salvini und Co. eine Demo auf der Piazza del Popolo. Ein paar hundert Rechte drängelten sich unter einer großen Italien-Fahne, machten Selfies mit dem Meister und verstießen grölend gegen die Seuchenschutz-Vorschriften. Salvini selbst riss sich die Maske ab, buchstäblich und metaphorisch. Und die Polizei schaute zu.

Jetzt, da die größte Gefahr erst einmal gebannt scheint, die Regierung also die Drecksarbeit für dieses nichtsnutzige Großmaul erledigt hat, fordert er: Abtritt. Viele finden das schon wieder fantastisch. Seuche – welche Seuche? Im Unterholz formieren sich rechte Schlägertrupps und „Orange-Westen“ schon zu einer irren Negationsbewegung. Die Pandemie habe es nie gegeben, die Toten von Brescia und Bergamo seien Opfer der Luftverschmutzung. 34.000 Tote und kein Virus.

Dass es in Deutschland für ein paar Idioten zu viel verlangt ist, angesichts einer weltweiten Bedrohung mal einen Gang runter zu schalten und auf Stadiongang und Ballermann-Urlaub zu verzichten – geschenkt. Aber in Italien?! Man fasst es nicht.

Es ist die immer gleiche, Menschen verachtend zynische Nummer, die diese Faschisten abziehen. Ausgerechnet diejenigen, die sämtliche Bürgerrechte mit Füßen treten, faseln jetzt was von Polizeistaat. Ausgerechnet jene, die sich einen Dreck um die sozial Schwachen scheren, die das staatliche Gesundheitssystem am liebsten ganz abschaffen würden und die Zehnprozent-Steuer für alle fordern, die hetzten jetzt gegen die Regierung. Es stimmt, die Nothilfe ist viel zu schleppend angelaufen. Aber sie läuft an. Es ist wahr, die Wirtschaftskrise wird fürchterlich. Aber die EU steht parat. Und eines ist doch wohl klar: Selbst wenn der warme Geldregen sofort käme, würden die Hetzer nicht verstummen. Das eine hat mit dem anderen leider rein gar nichts zu tun.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s