Albertone

Heute vor 100 Jahren wurde in der Via San Cosimato im römischen Stadtteil Trastevere Alberto Sordi geboren. Sordi ist im Ausland so gut wie unbekannt, in Rom aber bis heute weltberühmt, unvergessen und unerreicht. Wie jeder große Volksschauspieler war er eine Inkarnation seiner Stadt. Alle können irgendwas aus seinen Filmen zitieren. Wer „Maccerone, du hast mich provoziert…“ oder „Ich bin ich und ihr seid ein Scheiß“, nicht kennt, ist kein Römer. Wobei es total absurd ist, diese Sätze auf deutsch zu übersetzen.

In wie vielen römischen Küchen hängt dieses Foto?

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Natürlich auch in unserer. Es zeigt Sordi in der Titelrolle von  „Ein Amerikaner in Rom“, wo er als Taugenichts Nando schwer einen auf Ami macht und dabei die ganze Zeit eine groteske Mischung aus romanesco und aufgeschnappten englischen Brocken von sich gibt.  Unsere Tochter kann den ganzen Film auswendig, dabei hätte Sordi ihr Großvater sein können. Aber auch die jungen Römer identifizieren sich noch mit dem alten Albertone, mit seiner wunderbar leichtfüßigen und charmanten Wurstigkeit, mit der Lebenslust, der verschmitzten Selbstironie.

Sordis Filme bekamen keine internationale Aufmerksamkeit, obwohl er mit den besten Regisseuren seiner Zeit gearbeitet hat: Fellini, De Sica, Dino Risi, Steno, Monicelli und selbst Regie in drei Filmen mit der großen Monica Vitti führte. Aber Rom war halt nicht New York, sondern spielte im Welt-Kino nur noch eine Rolle als pittoreske Kulisse.

In Italien wurde Sordi mit Preisen überhäuft, nicht zuletzt gab es 1995 einen Goldenen Löwen für sein Lebenswerk. Wobei die hervorstechendste Leistung in diesem Lebenswerk sicher war, dass Sordi den Römer als solchen in ganz Italien populär machte. Unwiderstehlich etwa seine Anekdote von der Einladung zum Abendessen beim Avvocato Gianni Agnelli, damals als Fiat-Patriarch größter Arbeitgeber im Land und so etwas wie der heimliche König Italiens. Sordi erzählte im Fernsehen, dass Agnelli ihn spontan zum Essen in seine Turiner Residenz eingeladen hatte: „Erst gab  es ein Salatblatt, dann ein bisschen Foie gras, ein Stückchen Käse und als der Kaffee kam, kapierte ich, dass es das schon war. Avvocato, sagte ich, und dafür haben sie mich zum Essen eingeladen? Ja, was haben Sie denn erwartet, entgegnete er. Spaghetti?“ Es endete natürlich damit, dass Agnelli für Albertone Spaghetti kochen ließ, auf die sich alle Tischgenossen mit großem Appetit stürzten.

Sordi wurde nie ein Patriarch. Ein Leben lang blieb er Junggeselle, umsorgt von seinen Schwestern in einer riesigen Villa unweit der Caracalla-Thermen, die er mit schwerem Marmor in Grabsteinqualität, viel Gold, Antiquitäten und riesigen Ölbildern ausgestattet hatte, als handele es sich um eine Rekonstruktion von Neros Domus Aurea. Auch diese massive Anhäufung von teuren Geschmacklosigkeiten hatte etwas sehr römisches, denn die Neureichen in Parioli richteten sich ähnlich ein. Zeigen, was man erwirtschaft oder erbeutet hatte, war die Devise. Immerhin hatte Sordi kein Reichenghetto gewählt, sondern den populären römischen Süden. Muss man erwähnen, dass sein einziger legitimer Erbe Francesco Totti gleich um die Ecke aufwuchs? Und dass der schwer katholische Sordi natürlich ein Anhänger der einzigen römischen Fußballmannschaft war? (Hier überreicht der Capitano Sordis Schwester Aurelia im Stadion einen Blumenstrauß)

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Sordi wie Totti repräsentieren eine Romanità in der Tradition der großen Menschenfreunde, Poeten und Satiriker Belli und Trilussa. Man könnte sagen, die ewige Seele Roms, einer Stadt, die schon alles gesehen hat und deshalb nichts mehr ernst nehmen kann. „Te lo meriti Alberto Sordi!“ schnaubte der junge Nanni Moretti einst in einem seiner ersten Filme: „Du verdienst Alberto Sordi!“ Die 68er fanden Sordis erdverbundene Darstellung nicht nur konservativ, sondern reaktionär. „Über Sordi können nur wir Italiener lachen“, mäkelte Pasolini. „Wir lachen, und wenn wir aus dem Kino gehen, schämen wir uns schon dafür. Denn wir haben über unsere Feigheit und unsere eigene Infantilität gelacht.“ Pasolini fand Sordis Figuren „kleinbürgerlich und katholisch, aber eigentlich ohne einen Glauben, ohne ein Ideal.“ Kein Wunder, dass man in Frankreich oder England nichts an Sordi finden könne.  Inzwischen hat auch die Filmkritik erkannt, dass die Selbstbespiegelung, die Sordi dem italienischen Spießer ermöglichte, immer auch eine Einladung zur Distanzierung war. Denn die Figuren des Albertone waren Loser, sie scheiterten krachend an ihrer eigenen, sympathischen Beschränktheit. Heute, da man nicht nur in Italien die Spießer so verdammt für voll nehmen soll, wie sie das selber auch tun, erahnt man, wie progressiv das Kino von Alberto Sordi war.

Sordi gehörte zu Rom wie das Kolosseum und der Papst. Civis romanus erat. Als er im Februar 2003 starb, betrauerten ihn 150.000 auf der Piazza San Giovanni. Ein Flugzeug zog ein Spruchband durch den blauen Vorfrühlingshimmel: „Diesmal hast du uns zum Weinen gebracht.“

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