Jedermann

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Italien eine Partei gegründet, die sich „Fronte dell’Uomo Qualunque“ nannte, wörtlich: Front des Jedermanns. Mit dem Jedermann war der im deutschen Sprachraum so beliebte „Kleine Mann“ gemeint, also jener Kleinbürger, der sich durch eine tiefe Skepsis dem Staat gegenüber auszeichnet, vor allem dann, wenn dieser Staat demokratisch organisiert ist.

Bei den Wahlen 1946 gelang der Jedermann-Front der Sprung ins Parlament und damit sogar in die verfassungsgebende Versammlung. Zwei Jahre später war die Partei schon wieder weg vom Fenster. Der Qualunquismo aber, jene typisch italienische Demokratieverdrossenheit, blieb. Eine Comicfigur und eine ganze Reihe von satirischen „Jedermännern“ sind nach ihm benannt, zuletzt eine höchst erfolgreiche Kino-Trilogie um einen kleinbürgerlichen Antihelden namens Cetto La Qualunque ( in Deutschland, wo das unsäglich „F you Goethe“ die Säle füllt, sollte man darüber besser nicht lächeln).

Die italienische Politik wimmelt von Qualunquisti. Berlusconi war der reichste Jedermann, Bossi der vulgärste, Salvini ist der aggressivste, Grillo der abgezockteste. Die Jedermann-Parteien verfügen seit Jahrzehnten über solide Mehrheiten im Parlament – mit kurzen Unterbrechungen, in denen das Land wieder ein bisschen auf Vordermann gebracht wird, was den Leuten den Vorwand liefert, den nächsten Jedermann zu wählen. Oftmals befinden sich die Jedermänner indes sowohl in der Regierung als auch in der Opposition. So auch jetzt. Obwohl: So schlimm wie jetzt war es wirklich noch nie.

Nehmen wir Giuseppe Conte. Er wurde Ministerpräsident, weil er A) mit Messer und Gabel essen kann, B) das auch auf Englisch hinkriegt und C) garantierte, sich nicht in die große Politik der beiden Big Jedermänner Salvini und Grillo einzumischen. Letzteres hat sich inzwischen erledigt, weil Salvini in der Opposition ist und Grillo eigentlich auch, nur nicht so öffentlich.

Im Gegensatz zu diesen beiden richtet Conte keinen Schaden an, indem er Minderheiten verfolgt und die Demokratie demontiert. Er ist einfach da und schwimmt irgendwie oben, wie das einst Generationen christdemokratischer Regierungschefs vor ihm taten, übrigens ist Herr Conte dabei immer auffallend gut frisiert. Das Problem ist nur: Italien erlebt gerade die größte Krise seit Jahrzehnten. Der Schuldenberg wächst wie die Arbeitslosigkeit und die allgemeine Depression, das war schon vor Corona so und jetzt ist es erst recht so, nur noch viel schlimmer. Dass die Zustimmung für Conte während des von seiner Regierung verordneten, strengen Lockdowns, stieg und stieg, war eigentlich ein positives Zeichen. In der Not wollten die Leute doch lieber von einem freundlichen Jura-Professor regiert werden als von dem Rumpelstilzchen Salvini. Inzwischen hat man die ernüchternde Gewissheit, dass das einzig Positive an dieser Regierung die Tatsache ist, dass Salvini ihr nicht angehört. Aber das reicht natürlich nicht.

Seit einem Jahr wird darüber diskutiert, endlich die unsäglichen Gesetze zur Blockade von Flüchtlingsschiffen abzuschaffen, die Salvini mit den Stimmen der Fünf Sterne durchgesetzt hat. Nichts geschieht. Seit einem Jahr verspricht die Regierung die Einrichtung von Arbeitsagenturen. Nichts geschieht. Vom Tisch ist der Vorstoß der Staatsbürgerschaft für Einwandererkinder, den die mit regierende PD eigentlich auch sofort einbringen wollte. Aber dann kam ja Corona. Und eine Krise, die die amtierende Regierung endgültig als einen Haufen von Jedermännern und Jederfrauen entlarvt, die ohne tragfähiges Projekt, ja ohne eine einzige Idee irgendwie an der Macht bleiben wollen. Auch Conte scheint Gefallen an der Macht gefunden zu haben. Leider findet er nicht ganz so leicht einen Ausweg aus der Krise.

Stattdessen gibt Conte den Jedermann. Laut tönt er gegen die angebliche Einmischung der EU (und namentlich der Angela Merkels) bei der Verteilung der Post-Corona-Hilfsgelder. Aber er hat immer noch keinen Plan, wie er das Geld einsetzen soll. Er weiß noch nicht einmal, ob die Fünf Sterne ihm erlauben werden, den 37 Milliarden-Kredit aus dem Rettungsfonds zu akzeptieren. Nach wie vor sind die Grillini dagegen, schließlich haben sie ihrer Klientel Jahre lang vorgelogen, die EU vergäbe Kredite nur zur Gängelung. Der Rettungsfonds ist für die Fünf Sterne eine Schimäre wie die Müllverbrennung und der im Labor erzeugte Bakterienbefall apulischer Olivenbäume. Von all‘ den schönen Verschwörungstheorien kann man jetzt nicht einfach abrücken, nur weil die Realität gerade mal stärker ist.

Die Schwäche des Jedermanns Conte resultiert aus der Stärke der anderen. Oder auch umgekehrt. Das Ergebnis jedenfalls ist Stillstand. Die Blockade wird neue Jedermänner produzieren, womöglich sogar Jederfrauen, denn zurzeit ist rechtsaußen die forsche Giorgia Meloni mit ihren Ewiggestrigen im Aufwind. Neu ist sie nicht, denn sie war schon unter Berlusconi Ministerin. Und neu sind schon gar nicht ihre Überzeugungen  – von Ideen mag man ja gar nicht sprechen. Aber wie es aussieht überdauert der Qualunquismo in all‘ seinen Farben, in Ewigkeit, Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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