Villa Lante

In diesem Sommer also Entdeckungstouren vor der eigenen Haustür. FreundInnen erzählen begeistert von Rundgängen durch die nahezu leeren Vatikanischen Museen, wo auf einmal nicht mehr 20.000 BesucherInnen pro Tag unterwegs sind, sondern nur noch 200. Kein Wächter trompetet mehr „Silenzio!“ in der Sistina, weil es da sowieso schon so still ist. Endlich in Ruhe Michelangelo gucken! Und Luca Signorelli, Perugino, Ghirlandaio, Botticelli. Demnächst. Im Sommer bleibe ich ja dann doch lieber draußen. Zum Beispiel in der Villa Lante.

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Genauso frisch wie auf dem Bild ist es dort wirklich, an einem heißen Julimorgen. Dabei sind gar nicht alle Brunnen in Betrieb, aber die Lage in der Hügellandschaft um Viterbo, ein leichter Wind und die Schatten der alten Bäume reichen schon für Linderung. Die Villa Lante ist ein ziemlich kleiner Park,  für die winzige Ortschaft Bagnaia jedoch schon überdimensioniert.

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Die Provinz Viterbo ist ein Nest des Manierismus. Reiche, von der Esoterik angehauchte Landadelige engagierten allenthalben phantasievolle Landschaftsarchitekten, die je nach Neigung der Kundschaft Ungeheuer (Bomarzo) oder Labyrinthe und formenreiche Brunnen in großzügig bepflanzte Parks drapierten. In Bagnaia war um 1570 der Gartenbauer Jacopo Barozzi am Werk, beauftragt von Kardinal Giovanni Francesco Gambara. Der Kirchenmann war Mitte Dreißig, als er die Verwaltung von Viterbo und Tuscania übernahm, ein ziemlich großes, aber relativ dünn besiedeltes Gebiet voller dichter Wälder und tiefer Seen zum Jagen und Fischen.

Vor den Toren von Viterbo ließ sich Gambara eine kleine Jagdvilla mit Park erbauen, klein, ja intim aber voller Raffinesse. Hier ein kleines Gartenhäuschen – das Haupthaus mit der fantastisch freskengeschmückten Loggia ist leider seit Jahren geschlossen. Pertsonalmanhel! Im Moment passen drei gemütliche ältere Herren mit baumelnden Gesichtsmasken auf Park und Publikum auf.

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Als Gambara 1587 starb, erbte den Besitz Kardinal Alessandro Peretti di Montalto, der sich prompt ein zweites Haus in den Park pflanzen ließ. Peretti ging in die Kirchengeschichte ein, weil er schon mit 14 Jahren zum Kardinal ernannt wurde. Als er Bagnaia übernahm, war er immerhin 17 und sich seiner Würde offenbar schon sehr bewusst. Angesichts der heutigen Gerontokratie in der Römischen Kirche vergisst man leicht, wie jung Kurienmänner und Päpste früher waren, ganz selbstverständlich zu Pferd unterwegs und das meistens gut bewaffnet. Ätherische Gestalten wie Benedikt XVI waren eher selten, es ging ja schließlich auch weniger um himmlische Fährnisse als um weltliche Macht. Altmänner-Gespinste wie der Verzicht auf Sex oder Fleisch am Freitag haben Typen wie Gambara, Peretti aber auch ihre Vorgesetzten nicht die Bohne interessiert, und Martin Luthers Stänkereien sind in Viterbo bis heute nicht angekommen. Lieber lud man als junger Kirchenfürst Gäste zu rauschenden Gartenpartys ein, platzierte sie an einem langen Tisch mit einem Wasserlauf in der Mitte und tafelte im Schein von 14.000 Kerzen.

 

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Der ganze Park evoziert spielerisch das Miteinander von Kunst und Natur. Ein Evergreen! Der Park und seine Brunnen sollten so natürlich wie möglich wirken, geschafft haben die Architekten des 16. Jahrhunderts das sicher mit diesem Nymphäum:

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Man muss es nur anschauen, und schon kühlt die Körpertemperatur ab! Was das anging, hatte Kardinal Peretti noch ein anderes, eiskaltes Geheimnis. Er ließ im Winter Schnee in eine zehn Meter tiefe Höhle schaufeln, die er im Sommer als Kühltruhe benutzen konnte. So schmeckte auch der Weißwein aus dem benachbarten Montefiascone besser…

Villa Lante

Via Jacopo Barozzi 71, Bagnaia

Tel. +39-0761-288088, Tgl. außer Mo von 8.30 bis 19.30 Uhr, 5 Euro. Maskenpflicht!

 

Ein Gedanke zu “Villa Lante

  1. Herrlich, Birgit! Beim Anblick der Bilder wird einem gleich wohlig warm – zum Abkühlen der Körpertemperatur öffnen wir eher das Fenster oder ziehen die Jacke aus. Auch wir bleiben heuer zuhause, wo wir uns die lokalen Sehenswürdigkeiten ebenfalls nur mit wenigen Eingeborenen statt mit Millionen Touristen teilen müssen. Alles hat sein Gutes.

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