Autogenes Training!

Als am Mittag bekannt wurde, dass Juventus den Trainer Maurizio Sarri entlässt, dachte ich: Endlich. Einer Typ wie Sarri, frauenfeindlich und homophob, also zutiefst reaktionär, hätte niemals Juve trainieren dürfen. Nicht, dass ich Juve-Fan wäre, aber immerhin handelt es sich um den mittlerweile einzigen italienischen Klub mit internationalem Renommée und dem Anspruch, progressiv zu sein. Alle Initiativen gegen Rassismus und Sexismus verpuffen, wenn der eigene Trainer in der PK zu einer Journalistin sagt: „Wenn du nicht so hübsch wärest, würde ich sagen, steck ihn dir in den Arsch.“ Oder wenn er den gegnerischen Kollegen als Schwuchtel bezeichnet.

Ja, ich weiß, ich habe das schon öfter geschrieben, weil ich es skandalös finde, wie schnell sowas unter den Tisch gekehrt wird und in Vergessenheit gerät. Die homophobe Attacke etwa wurde vom Verband nicht geahndet, weil der Attackierte nicht homosexuell ist und deshalb nicht beleidigt sein konnte! Und die frauenfeindliche Bemerkung, von den Männern im Saal mit zustimmendem Gelächter begrüßt, musste die Kollegin sowieso einstecken, Fußball ist halt nichts für Mimosen.

Ein Juve-Trainer ist Protagonist einer globalen Unterhaltungsindustrie. Und als solcher trägt er Verantwortung. Er steht nicht nur für sich selbst und seine Arbeit beschränkt sich nicht nur darauf, das Training der 1. Mannschaft zu kontrollieren und die richtigen Einwechslungen vorzunehmen.

In diesem Sinne: Sarri weg, finalmente, schon viel zu spät.

Dann wurde der Name des Nachfolgers bekannt gegeben. Es ist der Herr rechts.

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Voilà. Andrea Pirlo. „Muss bitter sein, für Cristiano Ronaldo, dass er jetzt bei Juve nur noch der zweitbeste Fußballer ist“, hat ein Witzbold im Netz geschrieben. Haha. Muss auch bitter sein für Gianluigi Buffon, 42, dass er jetzt noch älter ist als sein Trainer, 41.

Für diese Personalentscheidung gibt es eigentlich nur eine Erklärung: Andrea Agnelli (der Herr links im Bild) will jetzt endlich selbst coachen. Immerhin wäre er mit 44 der Älteste in dem aparten Triumvirat mit Torwart und Trainer, außerdem ist er der Präsident und zahlt den ganzen Quatsch. Vor ein paar Tagen hatte er Pirlo noch zum U-23-Coach berufen, da entstand das Bild oben mit der Unterschrift. Jetzt 1. Mannschaft, dabei hat der Chef-Übungsleiter noch nicht mal den Trainerschein!

Um so einen so finden, einen Coach ohne Trainerschein nämlich, muss man sich weit zurückwühlen in die Klubgeschichte. Juve war nämlich in den 1930er Jahren der erste Verein, der Profis engagierte.

Okay, die Freistoßtechnik von Cristiano Ronaldo könnte unter Einwirken des Meisters aller Klassen noch ein wenig besser werden. Aber sonst rauft sich jede/r, der Pirlo nicht nur spielen sah, sondern sprechen hörte in den für ihn typischen kryptisch-verschwurbelten Sätzen, die Haare. Ganz ehrlich, Pirlo ist ein echter Rasenphilosoph. Die schönste Projektion der europäischen Intellektuellen, aber eben nur eine Projektion. Wenn er nicht spielt, sondern redet, dann wird es… tut mir leid, aber es ist so, eher schlicht. Wie soll dieser Mann die beste italienische Mannschaft coachen? Ferngesteuert von Agnelli? Oder übernimmt die Kombi Cristiano Ronaldo/Buffon?

Es könnte sich auch um ein wirklich spannendes Experiment handeln. Ausgerechnet bei Juve, wo sie einst den Trainer-zentrierten Effizienz- und Feldwebelfußball erfunden haben, wird nun bewiesen, dass es keinen Coach mehr braucht. Die Guardiolas und Tuchels dieser Welt können einpacken. Denn Maestro Pirlo zelebriert:

Autogenes Training!

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