Die Poesie des Augenblicks

In der griechischen Mythologie ist Atalante eine amazonenhafte Jägerin, schneller und geschickter als alle Männer. Sie will sich nicht einfangen lassen, von niemandem, und schwört deswegen, Jungfrau bleiben zu wollen.

Natürlich wird daraus nichts, ihr Vater will sie verheiraten. Sie stellt die Bedingung, dass nur, wer sie im Lauf besiegt, ihr Mann werden kann. Rübe ab für die Verlierer. Viele verlieren. Schließlich hilft die Göttin Aphrodite einem Bewerber, den sie mit drei goldenen Äpfeln ausstattet. Der junge Mann lässt sie fallen im Wettbewerb gegen die nackte Atalante (in Griechenland waren beim Sport immer alle nackt, also alle Männer, die Frauen waren zu Hause, im Frauenzimmer eingesperrt). Und die jungfräuliche Jägerin, diamonds are a girl’s best friends, bückt sich. Verliert durch Ablenkung, muss den Typen heiraten, der so unwichtig ist, dass von seinem Namen bis heute zwei Versionen kursieren, je nachdem, ob die Variante aus Nord- oder Südgriechenland erzählt wird.

Ein bisschen war es auch heute abend so, im Champions-League-Viertelfinale.

Atalanta gegen PSG, das ist wie Frau gegen Mann, also David gegen Goliath. Aber auch wie Mythos gegen Mammon und Göttin gegen Götze (Achtung: kein Vorname!). Das Team der Namenlosen aus einer Stadt, die seit dem Seuchenausbruch die ganze Welt kennt: Bergamo, gegen Leute, denen die goldenen Äpfel überall herausquillen. Die Nobodys schaffen es bis ins Viertelfinale der Königsklasse, beflügelt vom Rausch des Überlebens und dem lebensklugen Grandseigneur Gasperini. Gegen Paris spielen sie um den Einzug ins Halbfinale.

Hände hoch, wer nicht für Atalanta war. Wer nicht gejubelt hat beim 1:0, die Poesie des Augenblicks genossen und dann gezittert bis in die 90. Minute, als die Pariser den Ausgleich machten. Wer nicht getrauert hat beim prosaischen 1:2 und erstarrt ist beim Freudentritt des Thomas Tuchel. Der Asket, der sich für einen Idealisten hält und bei den Scheichs von Katar auf der Gehaltsliste steht. In Katar trägt kein Fußballklub die Jägerin Atalante im Namen. Frauen dürfen dort erst neuerdings ins Stadion, wegen der WM 2022, natürlich nur ins Publikum und natürlich nicht nackt.

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Dabei lieben die Franzosen L’Atalante. Jean Vigo drehte den Film 1934, die Nouvelle Vague machte die Geschichte von Jean, Juliette und ihrem Frachter L’Atalante erst zum Kult. Heute sind die Hauptdarsteller Dita Parlo und Jean Dasté so unbekannt wie die Spieler von Atalanta Bergamo. Und doch sehnen wir uns alle nach ihrer existentiellen Leichtigkeit auf einem Frachter, der uns über die Flüsse des Lebens fährt.

Am Ende gibt es kein Ergebnis, nur die L’Atalante, die aus dem Bild fährt.

Und wir träumen weiter, von einem Rennen ohne goldene Äpfel.

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