Wer wird denn gleich sterben

Civita di Bagnoregio ist der beste Beweis für die Gültigkeit des alten Bonmots, dass Totgesagte länger leben. Seitdem sich das 16-Einwohner-Dorf zwischen Lago di Bolsena und Tiber, Orvieto und Viterbo den Titel „Città che muore“ (sterbende Stadt) verliehen hat, ist es so quicklebendig wie seit Ewigkeiten nicht. Jahr für Jahr kommen um die 600.000 Touristen nach Civita, das sind gut 1600 pro Tag, Winter mitgerechnet. In Civita brummt also der Bär! Wir konnten uns am letzten Samstagabend davon überzeugen, 12. September, eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang: Ein einziger freier Parkplatz, hunderte von Touristen unterwegs. Alle haben brav ihre fünf Euro Eintritt gezahlt, um über die 200 Meter lange Brücke zu spazieren, die Bagnoregio mit Civita verbindet. Um auf der anderen Seite….ein italienisches Dorf zu sehen. Tuffsteinhäuser, zwei Kirchen, ein wuchtiger Palazzo, eine Piazza und, okay, das vermutlich einzige Erosionsmuseum im Land. Abgesehen von diesem Museo delle frane ist Civita ein Kaff wie jedes andere. Es gibt hunderte, ach was tausende davon in Mittelitalien. Hügelkuppe, obendrauf die Siedlung mit Vorgeschichte (Etrusker, Römer, Longobarden etc.), drumherum viel Landschaft, alles begossen mit reichlich Olivenöl und Vino.

Wieso also Civita? Na, deshalb:

So malerisch ist dann halt doch selten.

Civita liegt auf einem Tuffsteinhügel, umgeben von wilden Calanchi, so genannten Badlands, wüsten, interessant durchfurchten Sandsteinformationen. Der Siedlungsfelsen war einst dreimal so groß und im Mittelalter von 3000 Menschen bewohnt. Dann begann das große Bröckeln, weil unten die beiden Flüsse Rio Chiaro und Rio Torbido (der klare und der trübe Fluss, herrlich!) an dem weichen Tuffstein nagen, vor allem aber weil es immer mal ein Erdbeben gibt, das im Rest der Gegend für keine größere Aufregung sorgt, hier aber schon.

Also nichts wie weg. Das machte schon der heilige Bonaventura so, der 1217 hier geboren wurde und mit kaum 18 Jahren die Flucht ergriff. Ab nach Paris, Theologie studieren, dann kann man Kardinal und schließlich Heiliger werden. Weil das heute nicht mehr ganz so einfach und vielleicht auch nicht mehr so attraktiv ist, gehen die Leute von Civita zum Studieren nach Mailand und Rom oder bleiben in Bagnoregio (3600 Einwohner) und verdienen ihr Geld mit den vielen Touristen.

Frühstückspension, Restaurants, Bruschetta-Buden, Souvenirläden, Acqua di Civita (Civita-Wasser, so heißt ein Parfum). Etruskergrotte und Blick aus dem Gärtchen gegen Eintritt.

Civita ist eine italienische Erfolgsgeschichte. Du hast nichts, also mach‘ was draus. Erfinde eine Geschichte. Setze eine Marke in die Welt. Lade ein paar Journalisten ein, vor allem aber Fotografen. Und du wirst sehen, die Sache läuft.

Seit 20 Jahren wird renoviert und eröffnet, seit sieben Jahren gibt es den Brückeneintritt. So haben alle was davon, auch die Gemeinde.

Und ehrlich gesagt, ist der Tuffstein wirklich schöner als anderswo.

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