Oh Glück!

Hat man in deutschen Feuilletons schon mal gelesen, dass die Vergabe der Nobelpreise für Physik, Chemie oder Medizin ungerechtfertigt gewesen wäre? Hat man nicht. Mit Naturwissenschaften kennen sich die meisten KollegInnen (me too) nämlich nicht so aus. Da können sie nicht mitreden und schon gar nicht urteilen. Aber wehe, sie kennen einen Literatur-Nobelpreisträger nicht. Also gar nicht. Was deutsche KritikerInnen nicht kennen, das kann gar nicht gut sein. Zum Beispiel die Amerikanerin Louise Glück, Literatur-Nobel 2020. 

Glück?! Nie gehört! Man kann sich vorstellen, wie es am Donnerstagnachmittag zuging in den Redaktionen. Keiner war vorbereitet. Keine hatte auch nur den Hauch einer Ahnung. Was also schreiben über die Große Unbekannte, schnell und originell, zwischen 14 und 17 Uhr? 

Die SZ schaffte es, die Preisträgerin gleich in zwei Stücken herabzuwürdigen. Der neue Feuilletonchef Alexander Gorkow und der alte Popkultur-Referent Willi Winkler machen sich in einer gemeinsam verfassten Glosse über Glück lustig. Über den Nobel für Bob Dylan hatten die SZ-Männer noch gejubelt, zum Preis für Glück fällt ihnen nur Häme ein: Die Dame besitzt die Unverfrorenheit, ihnen noch nie untergekommen zu sein. Ihre Lyrik sei, so behauptet Tobias Lehmkuhl im zweiten Anti-Glück-Text der Ausgabe, zugleich massenkompatibel und ungeheuer deprimiert, konservativ und kitschig. Unpolitisch sei sie auch noch. Die Dichterin interessiere sich wenig für gesellschaftliche Strukturen, „die immer auch sprachliche Strukturen sind.“ Die literarischen Werte, urteilt der Kritiker, seien durch diese Preisentscheidung „wieder einmal“ mit Füßen getreten. Andere hätten den Nobel viel mehr verdient!

Ist das so? Oder hatten die Herren vielleicht schlicht zu wenig Zeit, sich ein wenig intensiver mit Louise Glück auseinanderzusetzen?

Julius Greve macht auf Zeitonline vor, wie das ganz ohne beleidigten Unterton geht. Er erklärt, wie Glücks Werk um die tiefe Verunsicherung des Menschen kreist. „Einsamkeit und Verlust, Vergänglichkeit und Natur, poetisch-mythographische Kraft und Literatur der nur scheinbaren Autobiographie; zerstörerische Realität der Familie und zermürbender Alltag in der Ehe; Geschichten gesellschaftlichen Untergangs und die Unmittelbarkeit der dichterischen Stimme: Der Literaturnobelpreis für Louise Glück bestätigt die Relevanz dieser Themen und Werte sowie die Besonderheit dieser Lyrikerin in einer zwar global determinierten, aber durchaus amerikanisch gezeichneten Zeit.“

Von wegen Kitschalarm. Vielleicht muss man sie ja einfach lesen.

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