Alice Nazionale

Alice Schwarzer hat ein neues Buch veröffentlicht, unter dem bescheidenen Titel „Lebenswerk.“ Damit tingelt sie, wie viele Bücher schreibenden Promis, durch die deutschen TV-Talkshows. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, dass sich die Quatschrunden mittlerweile um Product-Placement drehen – wenn es sich bei dem Produkt um Bücher handelt, ist das allemal ein sehr guter Zweck.

Am vergangenen Freitag präsentierte Schwarzer sich und ihr „Lebenswerk“ in der NDR-Talkshow. Wie gewohnt gab es dazu keine Fragen, also keine kritischen. Der ebenfalls anwesende Schauspieler Lars Eidinger kriegte sich schier gar nicht mehr ein über die Ehre, neben la Schwarzer sitzen zu dürfen. Madame ist halt ein Monument. Ein sehr deutsches Monument überdies, trotz oder gerade wegen ihrer Affinität zu Paris.

Worum es ging in dem Gespräch mit der chronisch überdrehten Barbara Schöneberger, weiß ich nicht mehr – außer, dass Alice Schwarzer ausführlich von der Fernsehserie „Bergdoktor“ schwärmte. Aber ein Satz blieb hängen. Schwarzer beklagte sich über einen „jungen Kollegen“ vom Deutschlandfunk, der ihr kürzlich jede Menge dummer und Klischee beladener Fragen gestellt habe. „Den habe ich dann geköpft, das könnt ihr euch anhören.“ Zustimmendes Gelächter und Beifall von den Herren im Saal (außer Eidinger saßen da Campino, Jürgen Vogel und ein bärtiger Schauspieler, dessen Namen ich jetzt nicht googeln will.)

Also, ich hab’s gemacht. Das Gespräch mit dem „jungen Kollegen“ gehört. Kann man hier. Es handelt sich um den 57-Jährigen Stephan Karkowsky, einen der renommiertesten Kultur-Moderatoren des deutschen Rundfunks. Anders als behauptet, hat Alice Schwarzer Karkowsky keineswegs geköpft, unter anderem wohl deshalb, weil er auch keine einzige dumme Frage gestellt hat. Er war nur kritisch (in Schwarzers Diktion: voreingenommen). Anstatt ihr, wie der NDR, eine gebührenfinanzierte Gelegenheit zu geben, ihr Produkt zu bewerben, hat Karkowsky wissen wollen, was auch viele HörerInnen interessiert: Wie war das mit dem Schweizer Konto und mit Kachelmann, wie ist das heute mit den neuen Generationen von Feministinnen?

Keine seiner Fragen hat Alice Schwarzer beantwortet. Wie schade. Denn es stimmt ja: Sie war eine sehr wichtige Figur für die Generation meiner Mutter (ein Jahr älter als Schwarzer). Als Teenager habe ich den „Kleinen Unterschied“ in der Familie angeschleppt, als Argumentationshilfe gegen den Putz- und Babysitterdienst, der mir als einzigem Mädchen aufgebrummt wurde. Da war was los! Später schrieb ich selbst einen Text für die „Emma“, der in der Ausgabe 5/1992 erschien, mit der unvergessenen Ingrid Steeger auf dem Titelblatt. Es ging um die Frauen in der Mafia und ich wurde wegen dieses Artikels gleich nach Hamburg eingeladen, in die Talkshow von Roger Willemsen. Die Reise dauerte ewig, 24 Stunden mit dem Zug, weil die Flughäfen bestreikt wurden. Es war mein erster Fernsehauftritt. Ich war zu müde, um Lampenfieber zu haben und absolvierte ihn in einem Etuikleid aus rosa Seide. Dieses Kleid, den Ausflug nach Hamburg und die Bekanntschaft mit Willemsen sowie mit dem ebenfalls anwesenden Hellmuth Karasek verdankte ich also Alice Schwarzer. Die Dankbarkeit wurde dadurch getrübt, dass die Emma-Frauen ein paar feministische Begriffe in meinen Text gestreut hatten. Sie hatten ihn halt „frisiert“ und ich junges, unerfahrenes Ding war empört.

Später fand ich es unverzeihlich, dass Schwarzer für die BILD schrieb. Genauso unverzeihlich wie ihre eigene Denkmalpflege. Der Feminismus lebt von der Debatte, er gehört keinem und lässt sich von niemandem verkörpern.

Wie man seinen eigenen Erfahrungsschatz in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen kann, indem man offen bleibt für alle neuen Strömungen und niemals der Versuchung erliegt, sich selbst und die Vergangenheit zu verklären, das könnte Schwarzer von Daniel Cohn-Bendit lernen.

Ich kann nicht beurteilen, ob Alice Nazionale für den deutschen Feminismus repräsentativ ist. Im Ausland ist sie jedenfalls genauso unbekannt wie – Moment, den Namen google ich jetzt – Margarete Stokowski. Ich vermute mal, es liegt an der Weltsicht und an der Themenwahl. Beides ist außerhalb der deutschen Medienlandschaft womöglich nicht so sehr von Interesse.

Aber Cohn-Bendit, den kennt man.

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