Incubo/Alptraum

Wir sind nicht die Mehrheit, aber wir sind viele, und für uns geht der Alptraum jetzt wieder los. Der Alptraum, von einem Teil unserer Familie getrennt zu werden, unerreichbar für unsere Lieben zu werden wie sie für uns.

Wir sind Europäer, denn der ganze Kontinent ist unsere Heimat. Die einzelnen Länder sind für uns Regionen. Wir denken nicht in Grenzen, auch Sprachgrenzen sind unwichtig für uns. Wir sind zufällig an einem Ort mit seiner Sprache geboren und leben ebenso zufällig an einem anderen.

Das klingt modern, ist es aber nicht. Europa war immer schon ein Kontinent mit sehr mobilen Menschen. Es klingt nach Privilegien, doch in Wirklichkeit haben wir alle möglichen Berufe. Jedenfalls sind wir diejenigen, die keinen Urlaub machen. Wenn andere an den Strand fahren, besuchen wir unsere Angehörigen. In der alten Heimat, der neuen, einer dritten.

Im Moment ist alles mühsam. Nehmen wir Mariusz, den Töpfer. Seit Monaten fährt er mit dem Auto nach Polen, um seine alte Mutter zu besuchen. Sie ist dement, sie hat nur noch ihn. Einmal im Monat reist er zu ihr, bleibt eine Woche, fährt dann zurück nach Umbrien. Er weiß nicht, ob sie ihn beim nächsten Mal noch erkennt. Er weiß aber auch nicht, ob es das nächste Mal überhaupt noch geben wird. Denn wenn sein italienisches Dorf zum Risikogebiet erklärt wird oder der Ort seiner Mutter in Polen – dann war es das mit dem Pendeln.

Nehmen wir die Generation Erasmus, also Menschen wie meine Kinder. Das eine lebt in Deutschland, das andere in Italien. Ihre Freunde, ihre Liebsten, sind in dem einen Land, ihre Eltern und die Großeltern im anderen. Und wir, die Eltern der Erasmus-Kinder, haben unsere Ehepartner im einen Land, den Rest der Familie im anderen. Manche von uns müssen sich womöglich entscheiden, ob sie den Winter an der Seite der alten Eltern verbringen oder mit dem eigenen Lebenspartner.

Wir sind Europa. Und wir sagen: Lasst die Grenzen offen. Nutzt die Gelegenheit, um uns alle näher aneinander rücken zu lassen.

Nur so werden wir es schaffen.

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