Parkplatz-Demokratie

Nicht nur, dass die Amerikaner sich und den Rest der Welt, wenn auch nur widerstrebend und mit äußerster Mühsal, endlich von dem Wüterich Orango-Tango befreit haben. Sie erfinden auch gerade eine alte demokratische Location neu. Aus der griechischen Agora und dem römischen Forum wird der amerikanische Parkplatz. Das Volk versammelt sich nicht mehr auf einem Platz, der stilvoll mit Tempeln, Marmorsäulen und anderem Schnickschnack dekoriert ist, sondern irgendwo in der Provinz-Pampa, wo es, also das Volk, mit dem Auto vorfahren kann. Auf der improvisierten Bühne stehen ein paar StarsandStripes-Fähnchen, ein Rednerinnenpult und auf demselben ein Glas Cola, oder war es doch Wasser? Jedenfalls ist alles so schäbig und minimalistisch, wie es dem Zeitgeist entspricht. Die Demokratie ist, vor allem in Amerika, mächtig heruntergekommen, ihr Personal, siehe Orango-Tango und seine Mumienfrau, bestürzend unästhetisch. Der Parkplatz als Agora unserer Zeit spiegelt das sozusagen in Formvollendung wider.

Corona hat damit nur am Rande zu tun. Amerikaner fahren nicht nur gern mit dem Auto zum Restroom. Autofahren scheint in weiten Teilen des Landes die einzige gesellschaftlich akzeptierte Möglichkeit der Fortbewegung zu sein, außer Fliegen natürlich, letzteres am besten im Privatjet – wenigstens, wenn man als amtierender Präsident zum Parkplatzauftritt gebracht werden will.

Anfang des Jahres, sehr knapp vor der Corona-Krise, besuchte ich mit dem mir angetrauten Italiener die Verwandtschaft in Florida. An einem Ort, der nur eine Viertelstunde Autofahrt von Orango-Tangos Residenz entfernt liegt, weswegen sich am Wochenende die Bevölkerungszahl durch die Invasion des Security-Heeres verdoppelte. Hinter dem Garten der Verwandtschaft brandete der Atlantik, Pelikane und Delphine flogen. Zur Landseite hin gepflegte Villen unter Palmen, weitläufige Rasenflächen, stille Kanäle.

Da will man doch spazieren gehen! Wir taten es, auch nach dem Abendessen. Dass wir die einzigen waren, hat uns nicht weiter gestört. Aber die Polizei. Sie scheuchte uns auf mit dem Scheinwerfer des Streifenwagens, fuhr uns dann im Schritttempo hinterher und ließ erst ab, als wir zu Hause angelangt waren. „Natürlich“, sagte die Verwandtschaft. „Hier geht man nicht spazieren, schon gar nicht abends. Ihr macht euch ja verdächtig.“

Zurück zum Parkplatz. Während der Orango-Tango seine Verabschiedung durch die WählerInnen auf dem Golfplatz verdaute, bewies die neue Präsidentin Kamala Harris, wie man Glamour in die abgerockteste Kulisse bringen kann. Strahlend elegant, strahlend gut gelaunt und strahlend intelligent läutete sie auf irgendeinem Parkplatz die Stunde der Frauen ein. Frauen aller Hautfarben und gesellschaftlicher Hintergründe, Frauen, die keine Mumien sind, sondern Marmorsäulen der Demokratie.

Kamala ist geschickt genug, um Uncle Joe als Frühstücksdirektor ins Oval Office zu schicken. Soll der alte Knabe auf dem giftgrünen Rasen des White House seine Sonntagsreden vor der Presse halten, andere alte Knaben empfangen, wenn das wieder analog möglich ist, und mit Jill den Gemüsegarten der Obamas aufforsten.

Sie, Kamala, erobert derweil die Parkplätze Amerikas, um sie hoffentlich sehr bald abzuschaffen, und die Polizei auf Fahrräder umzusatteln.

Denn darauf kommt es an.

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