Sturm im Chianti-Glas

In Frankfurt sind Gastronomen auf die ziemlich doofe Idee gekommen, ihre Pizzeria „Falcone und Borsellino“ zu nennen, nach den beiden 1992 von der Mafia ermordeten Richtern. Bei den Anschlägen gegen Giovanni Falcone und Paolo Borsellino starben insgesamt elf Menschen, es handelte sich um Terrorakte einer kriminellen Militärorganisation, die wenig später auch Bomben an den Uffizien und an der Lateranbasilika zündete. Dass man eine Pizzeria benennt nach zwei Männern, die ihren Kampf gegen Cosa Nostra mit einem Leben ohne Freiheit und einem grauenhaften Tod bezahlten, und ihr Foto neben das von „Pate“ Marlon Brando pappt – das ist schon bemerkenswert unverfroren.

Giovanni Falcones Schwester Maria, bis heute aktiv in der Antimafia-Bewegung, hat beim Landgericht Frankfurt dagegen geklagt, dass das Andenken ihres Bruders durch die Namensnennung der Pizzeria beschädigt wird. Das Gericht wies die Klage zurück: Die beiden Richter seien in Deutschland allerhöchstens noch Experten bekannt, weswegen nichts dagegen spräche, eine Pizzeria nach ihnen zu benennen. Das klingt alles andere als überzeugend. Als hätten die Richter keine große Lust gehabt, sich mit der Angelegenheit auseinanderzusetzen. Immerhin haben die Frankfurter Pizzabäcker das Lokal ja nach Falcone und Borsellino benannt, weil diese beiden Namen ihren Kunden noch was sagen. Oder? Andererseits ist es wahrscheinlich gar nicht so einfach, den Namen einer Pizzeria gerichtlich zu verbieten.

In Italien entfachte das Urteil einen Sturm der Entrüstung. Als hätten sie nur darauf gewartet (und sie haben darauf gewartet, lenkt es doch so wunderbar ab vom Koalitionsstreit über das EU-Wiederaufbauprogramm, der die Regierung Conte gerade in allergrößte Schwierigkeiten bringt), regten sich auf: Der Präsident der parlamentarischen Antimafiakommission, der italienische Außenminister, der italienische Botschafter in Berlin. Der italienische Justizminister sprach gar von „verheerenden kulturellen Auswirkungen.“ Wegen einer Pizzeria! Die von wütenden Italienern im Netz mit erwartbaren Kommentaren überzogen wurden. Pizza-Shitstorm. Unsere Nationalhelden, wie könnt ihr nur! Ihr Deutschen ändert euch nie!

Geht’s auch eine Nummer kleiner? Oder ist es wirklich zwingend, dass die peinliche Namenswahl für eine Pizzeria in Sachsenhausen sich zur Staatsaffäre auswächst?

Man fragt sich: Was würde passieren, wenn eine Birreria in Mailand sich „Graf Stauffenberg“ nennen würde oder „Geschwister Scholl?“

Wahrscheinlich nichts.

4 Gedanken zu “Sturm im Chianti-Glas

  1. Das sehe ich anders, Birgit. Es geht nicht um die Pizzeria, sondern um das Landgericht Frankfurt, dessen Richter in seltener Dämlichkeit ein skandalöses Urteil fällten. Wer behaupten, die Namen von Giovanni Falcone und Paolo Borsellino seien vergessen, verhöhnt die Opfer der Mafia. Darüber darf man sich zu Recht aufregen. Von der Geschmacklosigkeit, damit ein Restaurant zu bewerben, zu schweigen.

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  2. Ich finde das Urteil auch vollkommen daneben, lieber Jochen. Und diese pizzaioli sowieso (die sich offenbar inzwischen entschuldigt haben – spät, aber immerhin). Aber es handelt sich immer noch um den Spruch eines offenbar ziemlich provinziellen Landgerichts. Eine Stellungnahme des italienischen Justizministers hätte vielleicht gereicht. Stattdessen eine Riesenwelle von Politik und Presse, die interessanterweise bevorzugt dann aufbrandet, wenn sich solche Idiotien jenseits der Landesgrenzen ereignen. (Mafia-T-Shirts und Mussolini-Kalender gibt’s in Italien an jeder Ecke.)

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    • Verstehe, das bekommst Du natürlich besser mit als wir. Herzliche Grüße nach Süden, liebe Birgit, hoffe, Ihr verbringt trotz allem schöne Feiertage! Wir werden es uns hier oben zu viert gemütlich machen, den Deutschlandbesuch bei der Familie lassen wir dieses Jahr leider zum wiederholten Male ausfallen.

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