Ciao Pablito

Flughafen Miami, im Februar 2020. Der Taxifahrer, der uns zur Verwandtschaft an einen Küstenort weiter nördlich bringen wird, ist Brasilianer, ein freundlicher Mann, seit Ewigkeiten in Florida. „Italians?“ Nach drei Sätzen fällt SEIN Name. Paolorossi. Mein Gott, was hat er uns angetan, dieser Paolorossi. 5., 25., 74. Alle drei Tore in Italien-Brasilien 3:2, dem entscheidenden Spiel der Gruppe C bei der WM 1982 in Spanien. Brasilien schied damit aus, Italien wurde Weltmeister nach dem 3:1 im Endspiel gegen Deutschland. Rossi machte dabei das 1:0. Aber an das Finale denkt heute kein Mensch mehr. Nur an das irre Spiel gegen Brasilien, an den kleinen, wendigen, listigen Rossi, diesen ikonenhaften Italiener. Und an seine Tore.

„Paolorossi“, sagt der Brasilianer in Miami, „hat für das Ende meiner Kindheit gesorgt.“ Er wusste das, der Titel seiner Autobiografie ist: Ho fatto piangere il Brasile. Ich habe Brasilien zum Weinen gebracht. Man hasste ihn dort. Paolorossi persona non grata. Der Taxifahrer sagt, prinzipiell habe er nichts gegen uns, weil wir Italiener seien, nur gegen Paolorossi. Ich verzichte darauf, ihm zu beichten, dass ich aus dem 7:1-Land stamme.

Wir nannten ihn Pablito.

Eravamo trentaquattro, adesso non ci siamo più
E seduto in questo banco ci sei tu
Era l’anno dei Mondiali quelli dell’86
Paolo Rossi era un ragazzo come noi

Sta crescendo come il vento questa vita tua
Sta crescendo questa rabbia che ti porta via
Sta crescendo, oh, come me

L’estate nell’aria, brindiamo alla maturità
L’Europa è lontana, partiamo, viva la libertà
Tu come stai?
Ragazzo dell’86.

Pablito war ein Ragazzo des Jahres 1956. Heute ist er weggeflogen, wie der Wind in Antonello Vendittis Lied, das jeder, aber auch wirklich jeder Italiener, der Anfang der 80er schon sehen und fühlen konnte, mitsingen kann. Und auch, wenn Antonello hundertmal versicherte, mit dem Paolo Rossi in seinem Lied sei eigentlich ein antifaschistischer Student gemeint, logisch, denn Pablito spielte die WM 1986 gar nicht mehr. Und auch, wenn wir schockiert waren, als er für die „Postfaschisten“ von Alleanza Nazionale kandidierte: egal. So egal wie die Verwicklung in den Wettskandal, die ihm zwei Jahre Sperre einbrachte, ihn die Teilnahme an der EM 1980 kostete. Um ein Haar hätte er auch noch Spanien verpasst. Der Fußball ist keine moralische Anstalt, außer vielleicht in Deutschland, das seinem größten Star und besten Spieler nicht die Mauscheleien um das „Sommermärchen“ verzeiht. Rossi war nie ein Volksheld wie Maradona, aber populär wie wenige. Vielleicht auch deshalb, weil viele in Italien so hießen und heißen wie er. Paolorossi war ein Allerweltsname wie Gerd Müller.

Rossi stammte aus Prato in der Toskana. In der Nähe von Arezzo verbrachte er seine letzten Jahre auf einem Bauernhof mit Zimmervermietung, in Siena ist er heute gestorben. Er gehörte zu den ganz seltenen Fußballern, die man stärker mit der Squadra Azzurra in Verbindung brachte als mit ihren Vereinen. Bei ihm waren das vor allem Lanerossi Vicenza und Juventus, wo man ihn schon 1973 entdeckte und wohin ihn Agnelli und Boniperti 1981 zurück holten. Mit Juve gewann er zwei Meisterschaften, einen Pokal der Pokalsieger und den Landesmeister-Pokal im verfluchten Match im Heysel-Stadion.

Man wusste, dass er krank war. Und doch kann man es nicht fassen. Denn Rossi ist immer Pablito geblieben, auch als älterer Herr war er immer noch so zierlich, so listig und verschmitzt wie damals. Dazu diese charmante Schüchternheit. Ein ewiger Bruder Leichtfuß. Möge er im Himmel weiter spielen.

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