Erste Reihe

Pünktlich vor dem Auftakt der Anti-Corona-Impfung in Europa bringen sich in Italien die Journalisten in Stellung. Sie wollen zwar nicht unbedingt in die erste Reihe, also die der Hochrisikogruppen und des medizinischen Personals, aber doch auf die Überholspur der besonders gefährdeten Berufsgruppen. Auch der Verein der Auslandspresse, dem ich seit 1993 angehöre, strebt nach einem Platz in den vorderen Reihen, vorbei an Putzfrauen und Kassiererinnen, Taxifahrerinnen und Lehrerinnen, Priesterinnen, Kindergärtnerinnen, Landarbeiterinnen und Busfahrerinnen. Oder doch wenigstens keineswegs dahinter. Wie sähe das denn aus? Heute mittag, war, wohl angesichts des bevorstehenden Familienfestes, die Debatte schon so weit, dass sich einige fragten, ob unsere Angehörigen nicht auch gleich mitgeimpft werden müssten.

Als ich bekannt gab, dass ich die Privilegien-Initiative auf gar keinen Fall unterstütze, hielt mich ein Kollege für eine Impfgegnerin. Der nächste gab zu bedenken, wieviele Krankenhausreportagen von Auslandskorrespondenten verfasst werden müssen. Der dritte, ein Deutscher, erklärte, dass er die Überholspur für die Impfung brauche, um ungefährdet von einer Corona-Leugner-Demo berichten zu können. Andernfalls sehe er die Meinungsfreiheit in Gefahr. Zwei Kollegen, darunter auch eine Deutsche, fanden die Risikogruppen-These genauso surreal wie ich.

Natürlich gibt es KollegInnen, die als ReporterInnen im Einsatz sind und deshalb womöglich besonders gefährdet. Meiner Erfahrung nach arbeiten die aber eher in Lokalredaktionen. Wer ein ganzes Land zu beackern hat, ist nicht ständig draußen und kann, anders als LokaljournalistInnen, in einer Gefahrenlage wie der jetzigen durchaus auf eine Krankenhausreportage verzichten. Beziehungsweise sie mit Hilfe von KollegInnen vor Ort verfassen, ohne selbst dort zu sein. Und überhaupt: Die Krankenhäuser sind froh über jeden Reporter, der draußen bleibt!

Ich finde dieses Drängen in die erste Reihe sehr bedenklich. Es kann nicht sein, dass wir uns für wichtiger und systemrelevanter halten als die Menschen, über die wir berichten. In Deutschland scheint es eine solche Journalisten-Initiative nicht zu geben. Im Impfprogramm der nächsten Monate taucht unsere Berufsgruppe nirgends auf. Und hoffentlich bleibt das so.

3 Gedanken zu “Erste Reihe

  1. Das hatte ich schon befürchtet, dass sich jetzt alle in Stellung bringen: Die eher Lautlosen (Reiche, Privatpatienten), für die die Ärzte sorgen werden. Aber die Journalisten? Am besten berichten sie selbst von den Schlachtfeldern um die Impfdosen.
    Jeder vernünftige Mensch muss doch anerkennen, dass zuvorderst Ärzte und Pflegepersonal zu schützen sind.

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    • Ärzte und Pflegepersonal, und bald darauf ja auch Polizistinnen LehrerInnen, Kassiererinnen, Reinigungspersonal etc, etc. Nicht zu vergessen das Personal von Gastronomie, Kinos, Museen, damit die alle bald wieder öffnen können. In Deutschland fällt es den Journalistenverbänden zum Glück nicht ein, nach vorn zu drängeln. Wieso auch? Wir können uns bei unserer Arbeit besser schützen als viele andere, es reicht normalerweise, die AHA-Regeln einzuhalten. Seuchenpolitisch ist es absolut nicht sinnvoll, Journalisten den Vortritt beim Impfen zu lassen. In Italien wird aber leider gedrängelt. Dass die Auslandspresse sich daran beteiligt finde ich besonders absurd.

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