Das Original

Lassen wir die Kirche doch mal im Dorf: Das Kapitol ist ein Hügel in Rom. Der gleichnamige Komplex in Washington bezieht sich auf den römischen Berg, weil dieser von alters her als der wichtigste der sieben Hügel in der Ewigen Stadt galt, als Caput Mundi, Haupt der Welt. Der Sitz des Jupiter-Tempels befand sich hier, zum Tode Verurteilte wurden gleich hinter dem Heiligtum in eine Tuffsteinschlucht gestürzt – und bis auf den heutigen Tag ist das Kapitol, inzwischen Campidoglio, das Zentrum des alten Straßen-Netzes. Alle Wege nach Rom werden an ihrer Entfernung zum Kapitol gemessen.

Persönlich habe ich eine enge Beziehung zum Kapitol, weil ich Anno 1996 im Standesamt unten rechts meinen Lieblingsrömer geheiratet habe – im Beisein eines Verkehrspolizisten, auf dessen weißem Helm der Schriftzug SPQR prangte. Senatus Populusque Romanus, Senat und Volk der Stadt Rom.

Mit dem Volk haben die Kapitol-Stürmer von Washington natürlich ebenso wenig zu tun wie jene, die sich auf deutschen Straßen (und Internetforen) lautstark als solches ausgeben. Diese Leute sind nicht mehr und nicht weniger Volk als du, ich und jede andere Biene. Dass sie partout bestimmen wollen, wer zum Volk dazu gehört und vor allem, wer nicht, ist ausgesprochen gruselig. Solche Anmaßung hat in der Geschichte durchgängig für den größten Ärger gesorgt. In Washington ist es gerade nochmal gut gegangen. Das Kapitol steht noch und Trump tritt bald ab. Man kann sich nur wünschen, dass die Garden demnächst genauso schnell auf den Plan treten, wenn der Mob nicht in den heiligen Hallen der Demokratie wütet, sondern gegen Menschen, deren Hautfarbe, Geschlecht oder Frisur ihm nicht passt.

Der Senat im alten Rom tagte gewöhnlich nicht auf dem Kapitol, sondern versammelte sich an anderen Plätzen. Caesar wurde im Pompeius-Theater ermordet, Augustus berief den Oligarchen-Rat in seine Residenz auf dem Palatin ein – der Nachbarhügel wurde Namens gebend etwa für den deutschen „Palast“ und das englische „Palace“. Auf das Kapitol zogen sich die Senatoren nur dann zurück, wenn die Lage richtig brenzlig wurde, weil man sich auf der Anhöhe besser verteidigen konnte. Als im Januar des Jahres 41 nach der Ermordung von Kaiser Gaius, genannt Caligula ein neuer Herrscher gewählt werden sollte, verschanzte sich der Senat auf dem Kapitol vor dem Volk, bei dem Caligula wegen seiner großzügigen Brot- und Geldspenden ziemlich beliebt gewesen war. Die Senatoren aber hassten ihn inbrünstig und ließen ihn am Ende umbringen, weil er sie ausgepresst hatte wie Zitronen und sie zeitweise sogar gezwungen, in seinem gigantischen Palast zur Miete zu wohnen. Das wäre, als wenn Trump die Clintons genötigt hätte, zugige und unrenovierte Gästezimmer im Weißen Haus zu beziehen und dafür Millionen auf sein persönliches Konto zu überweisen.

Nun, wer weiß, was wir aus Washington noch alles erfahren werden. In Rom jedenfalls blieb der Volkssturm auf das Kapitol vor 1980 Jahren aus. Während die Senatoren hitzig darüber debattierten, wer von ihnen neuer Herrscher werden solle, rief das Militär schon Caligula Onkel Claudius zum Kaiser aus. Kunststück, hatte er doch jedem Soldaten 15.000 Sesterzen, schlappe 15 Jahresgehälter, als Prämie geboten. Dem Senat blieb da nur noch, den Putsch abzunicken.

Was lehrt uns das? Erstens: Die Kopie ist immer blasser als das Original. Zweitens: Nichts Neues unter der Sonne. Und drittens: Die Geschichten über Caligula und Claudius sind in den Versionen von Sueton und Tacitus in die Weltliteratur eingegangen .

Von Trump aber bleibt nur Twitter.

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