Winterreifen

Wir sind in Deutschland hängen geblieben, ist eine längere Geschichte. Es ist Winter, sogar im Flachland schneit es ein bisschen. Und das erste Mittelgebirge ist ja auch nur ein paar Kilometer entfernt.

„Wir brauchen Winterreifen“, sage ich meinem Lieblingsrömer.

Er schaut von seinem Frühstücksteller hoch. Aus mir unerfindlichen Gründen verzehrt er hier morgens Zuckerbomben, die unter dem Namen Campingbrötchen verkauft werden. Wenn Camperinnen die Zielgruppe sind, muss ich sagen: Wir campen nicht.

„Winterreifen“, sagt er „sind was für Deutsche. Die können nicht Autofahren.“

„Deutsche können nicht einparken“, sage ich. „Aber mit Winter kennen wir uns aus.“

Zuletzt hatten wir diese Diskussion vor exakt elf Jahren. Er musste beruflich von Westfalen nach Zürich, mit dem Zug. Ich kutschierte die Kinder mit dem Auto zurück nach Italien. In Deutschland sprachen alle nur über den bevorstehenden Sturm Daisy. Man war aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Die Autobahnen würden leer sein, prophezeite ich damals, aber ich brauche Winterreifen.

Nach fünf Tagen hitziger Debatte hatte ich sie. Die Autobahnen waren leer. An den Rändern hingen verlassene Autos fest, deren Fahrer offenbar aufgegeben hatten und von irgendwelchen Rettungsdiensten nach Hause gebracht worden waren. Wir rauschten im Rekordtempo durch bis zur österreichischen Grenze, wo wir bei Freunden übernachteten, und am nächsten Tag nach Rom. Daisy war kein Problem für mich. Auch nicht die sieben Stunden und 19 Minuten „Ensel und Krete“-Hörbuch von Walter Moers. Grummligrummligrummligrummli. Heute knallt mir der Sohn Schostakowitsch rein oder Lena Platonos, zweifellos die ultimative Autobahnmusik.

Mein Lieblingsrömer lenkt diesmal verdächtig schnell ein. Es könnte damit zu tun haben, dass wir diesmal zusammen zurückfahren werden. Vielleicht ist es auch Altersmilde.

Wir stellen fest, dass man zum Winterreifen-Aufziehen einen Termin braucht, wie beim Zahnarzt. Der nächste Termin ist kommende Woche. Mein Zahnarzt ist übrigens schneller.

„Ich fahre die Werkstätten ab“, verkündet er. „Das wollen wir doch mal sehen.“

Anderthalb Stunden später haben wir neue Reifen. Wintertaugliche. Der Kompromiss. „Nach 60 Kilometern müssen wir die Muttern nachziehen“, grinst er. „Und du parkst ein.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s