In Ruinen

Die nächste öffentliche Waschmaschine ist 23 Kilometer entfernt. In unserem Keller steht keine, dafür gibt es einen mittelalterlichen Brunnen, der beweist, dass hier auch schon vorgestern gewohnt wurde. In der Stadt, pittoresk und sehr verbeamtet, scheint es keinen Bedarf an Waschsalons zu geben. Also auf nach Lippstadt, Cappelstraße. Mein Lieblingsrömer ist gespannt, er war noch nie im Waschsalon. Ich bin auch gespannt, denn bei mir ist es Jahrzehnte her. Gab es damals schon Trockner? Wahrscheinlich, von mir aber aus Kostengründen nicht benutzt, weswegen der letzte Eindruck vom Waschsalon das Gewicht der nassen Wäsche in meinem Rucksack war.

Heute ist alles anders. Im Lippstädter Waschsalon steht eine Tchibo-Kaffeemaschine, die Waschmaschinen und Trockner sind neu und riesig, alles ist blitzsauber und Waschpulver gibt es umsonst, wie eine freundliche Dame erklärt. Sie gehört nicht zum Inventar, übernimmt aber sofort die Rolle der Gastgeberin. Ganz, als wohne sie hier. Außer ihr wäscht noch ein schweigsamer junger Mann.

Wir gehen spazieren. Waschzeit ist gewonnene Zeit. Man hat Sozialkontakte (im Salon). Man bewegt sich, während das Trömmelchen läuft. Also einmal um den Marktplatz und dann zur Stiftsruine.

Lippstadts größte Sehenswürdigkeit ist die Ruine der gotischen Kleinen Marienkirche. Eigenwerbung: „Schönste Kirchenruine Westfalens“, mag sein, ich kenne aber auch keine andere. Die Stiftsruine ist keine Kriegshinterlassenschaft und erst recht kein Mahnmal. Vielmehr war die Kleine Marienkirche schon 1819 derart baufällig, dass der Damenstift, dem sie gehörte, auf Instandhaltung verzichtete. Man beschloss, das Gotteshaus einfach verfallen zu lassen. Ohne Moos nichts los.

Eine gute Entscheidung, denn bald darauf kamen Ruinen schwer in Mode. Landschaftsmaler drapierten sie in ihre Bilder aus dem italienischen „Arkadien“ und im Park des Preußenschlosses Sanssouci in Potsdam wurde 1841 eigens ein Ruinenberg angelegt, mit künstlichen Resten, die das alte Rom und das antike Griechenland heraufbeschwören sollten. Der preußische Stararchitekt Schinkel träumte als unbestrittener Großmeister des Archäo-Kitsch sogar von der Überbauung der Athener Akropolis mit einer seiner eklektischen Palastanlagen – ein paar echte Ruinen wollte er dann in den Park integrieren, damit die Leute sehen konnten, dass er einerseits direkt von den alten Griechen abstammte, andererseits aber besser war.

Dazu wurde zum Glück nichts – auch, weil man den Marmor für Schinkels größenwahnsinnigen Palazzo Prozzo nicht beschaffen konnte. Ohne Moos auch hier nichts los, die Menschheit dankt. Der Wittelsbacher Otto zog als erster König von Griechenland in eine bescheidenere Stadtresidenz, das heutige Parlamentsgebäude, und die Griechen behielten ihre Tempel.

Zurück ins Lippstädter Flachland. Gleich hinter der Stiftsruine fließt die Lippe, der Fluß, an dem die Römer einst in Richtung Teuto entlang marschiert sind. Gotik sieht auch im Verfall noch gut aus, ein bisschen Schnee hätte glatt Caspar David Friedrich daraus gemacht. Mit Innenausstattung hätte sie mir allerdings noch besser gefallen.

Nach 58 Minuten ist die 15-Kilo-Maschine fertig. Zum Trocknen bleiben wir drin.

Was soll man sagen: Waschen bildet.

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