Vergänglichkeit

So weit wie unten sind wir ja leider noch lange nicht. Von der Mohnwiese in Umbrien kann unsereins im Moment nur träumen, wobei Ende April ja auch nicht so weit weg ist. Und bis dahin gibt es zum Glück Tulpen. Aus dem Treibhaus und deshalb nicht Klima neutral, aber bitte: Medizin läuft klimatechnisch außer Konkurrenz und Blumen sind derzeit ein Antidepressivum ohne weitere Nebenwirkungen (Netflix-Serien sind wahrscheinlich die schlimmeren Klimakiller).

Die Nähe zu Holland beschert uns die schönsten Tulpen, in allen Farben. Am Blumenwagen auf dem Markt stehen die Leute an diesem grauen Januartag Schlange. Schönheit hilft! Menschen, die ohne Anlass Blumen kaufen, haben einen Sinn dafür. Sie sehnen sich nach der Schönheit. Sie geben Geld dafür aus, einfach so. Nein, nicht einfach so.

Beim Warten höre ich, wie die Leute vor mir die Blumenhändlerin fragen, wie lange die Blumen denn hielten. Alle fragen das. Ausnahmslos. Manche bemerken, dass die Tulpen jetzt noch nicht so haltbar seien, wie später im Frühjahr, wenn sie vom Feld kommen: „Aber geben sie mir trotzdem die roten.“ Trotzdem. Andere berichten, dass sie länger hielten, wenn man sie in ein kaltes Zimmer stelle. In die Kälte! Man müsste sich also entscheiden, ob man es warm haben möchte oder die Tulpen länger genießen will, bevor man sich neue kauft. Naja, genießen…

Die Sehnsucht nach Schönheit verursacht manchen offenbar ein schlechtes Gewissen. Sie haben gern Blumen aber sie schämen sich ein bisschen, dafür unnütz Geld auszugeben. Unnütz Geld auszugeben, ist für viele Deutsche eine Sünde, außer, es geht ums Volltanken. Sie buchen ihren Urlaub möglichst früh, um zu sparen (hat sich derzeit erledigt). Sie kaufen Champagner bei Aldi. Sie schmieren sich Melkfett ins Gesicht, anstatt den Kühen aufs Euter und Pferdesalbe auf den Rücken.

Als ich dran bin, frage ich nach den weißen Tulpen. Sie sind schon ein bisschen aufgegangen, sehr hübsch. Weiße Tulpen halten nicht so lange, das weiß ich von meiner Mutter. „Weiße Tulpen halten aber nicht so lange“, sagt die nette Blumenhändlerin. Aber sie sind schön, finde ich.

Blumen symbolisieren die Vergänglichkeit von Schönheit. Haltbare Blumen, ein Oxymoron. „Was du alles denkst, wenn du auf dem Markt bist“, sagt mein Lieblingsrömer, der in der Zwischenzeit aus dem westfälischen Homeoffice wieder ein paar StudentInnen in Indien und Aserbaidschan geprüft hat.

„Du bringst mir nie Blumen mit“, zicke ich zurück. Darauf er: „Wir Italiener sagen: Wer einfach so Blumen kauft, macht sich bloß verdächtig.“

Ein Gedanke zu “Vergänglichkeit

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