Rettet das Sauerland!

Das Sauerland ist ja neuerdings ein wenig in Verruf gekommen, wegen eines gewissen Friedrich M.. Halb zu Recht, denn M. verkörpert in seiner brachial-reaktionären Art durchaus den typischen Sauerländer, oder besser: einen Typ Sauerländer, der auch 2021 noch erstaunlich verbreitet ist. Es sind Männer, die im Land der Schieferdach-Nester selbstverständlich weiter Kirchgang, Frühschoppen-Stammtisch und Schützenfest zelebrieren, auch wenn sie längst woanders das große Geld machen und den großen Auftritt haben. Die ihre alten Seilschaften mit Skat und Doppelkopf pflegen und ihre neuen Freunde gern auf die Rotwild-Jagd mitnehmen. Wo sonst gibt es so herrliche Sechzehnender! Dabei wären Frauen nur störend, aber Frauen haben in Seilschaften sowieso nichts zu suchen. Sauerländer wie Friedrich M. sind der Meinung, dass ihre seit Jahrzehnten währende Hetero-Ehe zu Genüge beweist, wie frauenfreundlich sie sind, da braucht es keine Quoten für die Verwaltungsräte. Der Gerechtigkeit halber soll erwähnt werden, dass Frau M. Führungsqualitäten als Chefin des Amtsgerichts in Arnsberg bewiesen hat. In einem Interview schwärmt Charlotte M. von den Kochkünsten ihres Mannes, am liebsten bereite er Spaghetti Frutti di Mare zu. Klingt natürlich viel weltläufiger als Hirschgulasch (Frau M, ist Kommunikationsprofi), lässt aber die drängende Frage unbeantwortet, woher denn in Arnsberg die passenden Zutaten für italienische Küsten-Nudeln kommen.

Nun, M. ist es ja dann definitiv nicht geworden.

Im allgemeinen Palaver um seine Person ging leider unter, dass es ein anderer Sauerländer vor gar nicht so langer Zeit durchaus zum Parteivorsitzenden gebracht hat: Franz Müntefering, ebenfalls aus Arnsberg, war für die SPD Parteichef, Minister, Vizekanzler – alles Posten, die Merz durch die Lappen gingen. Fraktionsvorsitzender immerhin schaffte er, bis Frau Merkel ihn abservierte. Mit Müntefering konnte Merkel gut, am Sauerland kann es also nicht gelegen haben.

Das Markanteste an Müntefering ist sein Sauerländer R. Die Westfalen aus der Ebene können das R nicht so schön rollen wie die Menschen vom Berge, sie haben eigentlich gar kein R, sondern an seiner Stelle ein A: Moagen, Kiache, Aabeit. Ganz abgesehen vom R scheint Müntefering weniger für das Sauerland zu stehen als Merz, obwohl sie den hier gar nicht aussprechen können: Meaz. Doch Müntefering – dritte Ehe mit einer 40 Jahre jüngeren Frau, eine lesbische Tochter, die weltoffenen Toleranz und der Drang nach links – das ist auch Sauerland. Zugegeben eine Minderheit. Im Hochsauerlandkreis, zu dem Arnsberg gehört (das Autokennzeichen HSK wird im Flachland interpretiert als „Hilfe, sie kommen!“) stimmten bei der letzten Bundestagswahl 41,7 Prozent für die CDU, 22,8 Prozent für die SPD, 14,3 Prozent für die FDP, 8 Prozent für die AFD, 5,4 Prozent für die Linke und 4,7 Prozent für die Grünen.

Immer noch vorherrschend: Die Draußen-nur-Kännchen-Mentalität, die Schweineschnitzel-Gaststätten „mit Zigeunersauce“ und die Weihnachtsbaum-Monokultur, die „Holland ist genug Ausland“-Fraktion und Leute, die unter religiöser Mischehe evangelisch-katholisch verstehen. Dabei könnte das Sauerland ein Umbrien Deutschlands sein, als Heimat kräftiger Biere und feiner Schinken, grandioser Hügellandschaften mit dichten Wäldern, saftigen Wiesen, lauschigen Quellbächen, aufregenden Tropfsteinhöhlen.

Aber das Sauerland ist krank, denn seine Wälder sterben. Tausende Hektar Fichtenwald sind verdorrt oder dem Borkenkäfer anheimgefallen, auch der Buchenwald siecht bereits dahin. Das dichte Netz der Wanderwege löst sich gerade auf im Matsch, den die schweren Holzfahrzeuge hinterlassen. Sie transportieren Tag für Tag Abermillionen von Fichtenstämmen ab in Richtung China, wo das Käferholz für die Bauwirtschaft dringend benötigt wird. Das laute Kreischen der Motorsägen durchdringt die Landschaft, es klingt wie ein großes Requiem auf den Wald. Dies irae. Wer sich in diesem düsteren Winter zum Wandern verziehen will, kann davor nicht weglaufen.

Der große Kahlschlag verwandelt das Sauerland in eine Mondlandschaft. Überall tote Fichten, Baumstümpfe, Grau statt Grün. Es ist kein Ende abzusehen, keine Besserung in Sicht.

Für Merz ist das Sterben seiner Heimatlandschaft verstörenderweise kein Thema. Deutschland hat im Moment sowieso andere Sorgen.

Aber wenn der Sommer kommt, wird der Wald nicht mehr da sein, werden die Touristen nicht mehr kommen, werden die Sauerländer nach der Pandemie ihre größte Krise allein bewältigen müssen.

Rettet das Sauerland.

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