Oben bleiben

In der Krise beweist Giuseppe Conte Beharrlichkeit bei größtmöglicher Flexibilität. Er wankt, aber fällt nicht – zweifellos ein Qualitätsmerkmal. Jedenfalls, solange es nur darum geht, nicht unterzugehen, sondern weiter zu treiben und zu trudeln. Gerade, weil er so substanzlos ist, könnte Conte es auch diesmal schaffen, bald aber wird seine Substanzlosigkeit nicht nur für Italien ein großes Problem werden. Oben bleiben ist sein Selbstzweck, doch es ist kein Ziel.

Wofür steht Giuseppe Conte? Ursprünglich war er ein Mann der Schreihals-Bewegung Fünf Sterne, die den parteilosen Professor vor zweieinhalb Jahren als Ministerpräsidenten eines Kabinetts mit der rechtsradikalen Lega aus dem Hut zauberten. Ein Jahr später wurde Conte dann Regierungschef einer neuen Koalition der Fünf Sterne mit dem sozialdemokratischen PD. Allein, dass es ihm gelingt, mit derart unterschiedlichen Partnern zu funktionieren, beweist eine in der deutschen Politik ganz unvorstellbare Elastizität.

Es kam die Pandemie und damit eine der schwersten Krisen in der Geschichte der Republik. Conte navigierte nun mit immer neuen Notverordnungen, die zumeist zu nächtlicher Stunde dem Volk bekannt gegeben wurden. In der Tragödie hielt er Kurs – oben bleiben. Alles andere war ohnehin nicht mehr wichtig, es ging ums blanke Überleben. Auch diesmal wird er es schaffen, denn sein Gegenspieler Matteo Renzi hat den Fehdehandschuh zu früh geworfen. Noch geht es nicht um Programme der Zukunft, um die Konkurrenzfähigkeit, um Klimaschutz und die Verteilung des gigantischen Wiederaufbauhilfe-Kuchens. Sondern um die Abwendung des Untergangs, falls sich die zweite Corona-Welle zu einem Tsunami auswächst.

Conte wird weiter treiben, irgendwie. Vielleicht ist sogar irgendwann Land in Sicht. Spätestens dann aber braucht man Ideen, Projekte und Risikobereitschaft, um nicht abgehängt zu werden. Da hilft kein Pater Pio, dessen Bild Conte tatsächlich in seiner Brieftasche trägt, und auch keine EU, für die der freundliche Professor natürlich das weitaus kleinere Übel ist, verglichen mit dem finsteren Menschenfeind Salvini. Conte verkörpert zweifellos das alte Italien, stets kompromissbereit und immer mit Einstecktuch. Er hat Manieren, er fällt nicht aus der Rolle, er kann moderieren. Bis morgen wird das reichen, für das Übermorgen aber könnte es heute schon zu spät sein.

Ein Gedanke zu “Oben bleiben

  1. Danke nicht nur für diesen Bericht aus Italien, auch wenn das Sauerland durchaus seine Reize hat. Die Regierungskrise in Italien ist ein sehenswertes Tehaterstück in bester Unterhaltung, vor allem wenn wegen des Lockdowns die Theater geschlossen sind. Sie werden es wieder schaffen, aus dieser Krise herauszukommen, um gleich in die nächste zu stolpern. Aber ohne die Italiener wäre mein/ unser Leben um Einiges ärmer.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s