Post vom Fürsten

Emanuele Filiberto, 48, Fürst von Venedig und Piemont und Enkel des letzten italienischen Königs Umberto II., hat sich in einem Brief an die jüdischen Gemeinden Italiens dafür entschuldigt, dass sein Urgroßvater König Vittorio Emanuele III. 1938 die faschistischen „Rassegesetze“ unterzeichnet hat. Der Ton ist genauso aufgeblasen wie die ganze Persönlichkeit des „Chefs des Hauses Savoyen“, wie sich E.F. nennen lässt – auch auf die Anrede „Königliche Hoheit“ legt er Wert, obwohl Adelstitel in der Republik Italien eigentlich abgeschafft sind: „Ich schreibe euch mit offenem Herzen einen Brief, der mir sicherlich nicht leicht fällt, weil ich es richtig finde, ein für allemal für die Familie die ich heute repräsentiere, im Namen ihrer tausendjährigen Geschichte die Rechnungen mit der Geschichte zu begleiten.“

Die Savoyer regierten Italien zwischen 1861 und 1946, es handelte sich also nicht exakt um ein, pardon, Tausendjähriges Reich. Wegen ihrer Mauschelei mit dem Faschismus wurde die Familie 1948 ins Exil geschickt – die Monarchie war zuvor per Volksabstimmung abgeschafft wurden. Bis 2002 durften die männlichen Mitglieder des Hauses Savoyen nicht nach Italien einreisen. Emanuele Filiberto wuchs als einziges Kind von Prinz Vittorio Emanuele und der Erbin eines ligurischen Keksfabrikanten in der Schweiz auf. Der Vater wurde berüchtigt durch den „Jagdunfall“, bei dem er 1978 den jungen Deutschen Dirk Hamer (Sohn des ebenfalls berüchtigten „Wunderheilers“ Geerd Hamer) erschoss und hatte auch später immer mal wieder Probleme mit der Justiz. 

Emanuele Filiberto führt seit Kindertagen ein Jet-Set-Leben, allerdings ohne richtigen Beruf oder angemessene Beschäftigung. Die Uni brach er ab, danach versuchte er sein Glück ein bisschen in der Finanzwelt, vor allem aber im Fernsehen. Da war er sich für nichts zu schade: Gurkenwerbung, Fußballreporter (für seinen Lieblingsklub Juventus), Tänzer, Sänger beim Schlagerfestival von San Remo, Juror bei Miss Italia, Dschungelcamp. Politische Aktivitäten scheiterten. Seine Partei „Werte und Zukunft mit Emanuele Filiberto“ holte bei den Parlamentswahlen 2008 gerade mal 0,4 Prozent und damit den letzten Platz. Ein Jahr später nahm die Königliche Hoheit bei der Europawahl einen neuen Anlauf mit der Zentrumspartei UDC: wieder nichts. Letztes Jahr hat er die Bewegung „Realität Italien“ gegründet, die wenigstens einen Trostpreis für den originellsten Namen gewinnen müsste, denn wenn E.F. mit irgendetwas beharrlich überhaupt nichts zu schaffen hat, dann mit der italienischen Realität. Mit seiner Frau, der französischen Schauspielerin Clotilde Courau und zwei gemeinsamen Töchtern lebt er in Montecarlo, von Italien kennt er vor allem das Autorennen Mille Miglia, das Stadion der Juve und die Fernsehstudios der RAI. 

Ein beeindruckender Realitätsverlust sprach auch aus seinem 2007 formulierten Antrag an den italienischen Staat, ihm und seiner Familie 260 Millionen Euro Schadensersatz für „moralisches Unrecht“ zu zahlen, das den armen Savoyern durch das „Zwangsexil“ und den Verlust der Heimat zugemutet worden sei. Emanuele und sein Vater forderten darüber hinaus der Rückgabe aller beschlagnahmten Güter. 

Von dieser ungeheuren Dreistigkeit bis zum Brief an die jüdischen Gemeinden war es sicher ein großer Schritt. Das muss Emanuele Filiberto bei aller Aufgeblasenheit zugestanden werden. Der Mann erinnert ohne Wenn und Aber an 7500 von Nazis und Faschisten ermordete jüdische Italiener und entschuldigt sich „offiziell und feierlich“ für das von seiner Familie begangene Unrecht.

Die Reaktion der jüdischen Gemeinden ist kühl. Man könne sich nur persönlich entschuldigen, erklärte der römische Oberrabbiner Riccardo Di Segni, ein überaus kluger und zurückhaltender Mann, der sich schon sein Leben lang für die Aussöhnung aber auch für eine italienische Vergangenheitsbewältigung engagiert. Um Verzeihung hätten also eher Emanuele Filibertos Vorfahren bitten müssen, sagte Di Segni. 

Haben sie nicht. Und nicht nur sie: Beim Nationalfeiertag am 25. April, dem Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Nationalsozialismus, sind die Vertreter der Jüdischen Partisanenbrigade bis heute nicht erwünscht, während Palästinensergruppen eingeladen werden. Der Antisemitismus der italienischen Linken ist mindestens genauso erschreckend wie der der Rechten. Judenhass oder Judenverachtung gehören auch in intellektuellen Kreisen zum guten Ton, während die Mussolini-Diktatur verharmlost wird. 

Und deshalb ist bemerkenswert, was E.F. in einem Interview zu seinem Brief hinzufügte. Sein Urgroßvater, der König, sei vollumfänglich dafür verantwortlich, dass 50.000 jüdische Italiener ihre Bürgerrechte verloren: „Aber bevor der König sie unterschrieb, waren diese Gesetze vom Parlament mit erdrückender Mehrheit verabschiedet worden. Ich habe um Verzeihung gebeten, doch ganz Italien müsste das tun.“

Die „Rassengesetze“ waren zunächst von der faschistisch besetzten Abgeordnetenkammer abgesegnet worden, die sich kurz danach auch offiziell in Camera dei Fasci e delle Corporazioni, also „Kammer der Verbände und Innungen“ umbenannte. Am 20 Dezember 1938 wurde die Vorlage im Senat eingebracht, dessen Mitglieder vom König ernannt waren. Zu den auf Lebenszeit berufenen Senatoren gehörte beispielsweise auch der spätere Staatspräsident Luigi Einaudi. Neun Senatoren waren Juden, vier von ihnen Mitglieder der faschistischen Partei. Zur Abstimmung über die „Rassengesetze“ erschienen die jüdischen Senatoren nicht. Von 164 anwesenden Senatoren stimmten neun dagegen. Allerdings waren zehn keine Faschisten.

Chapeau dem Gurkenprinz.

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