Auf der Rewerbahn

Dem Lieblingsrömer ist nach Pizza, er will eine holen von nebenan. „Auf keinen Fall“, sage ich, „die können ja noch nicht mal Mozzarella richtig schreiben.“ In der Pizzeria nebenan, italienisches Traditionsgasthaus seit über vierzig Jahren, gibt es Pizza mit Käse und Pizza mit „Mozarella“. Unter Käse verstehen die Pizzabäcker von nebenan Gouda. Schinken übersetzen sie mit: Formfleisch.

„Was ist das?“ fragt der Lieblingsrömer. „Das willst du nicht wissen“, sage ich, „und ich übrigens auch nicht. Irgendein Hundefutter.“

Als mein Schwiegervater 1966 mit seinen beiden älteren Söhnen eine Campingreise den Rhein herunter machte – meine Schwiegermutter forschte damals in Amsterdam – da erwischten die Jungs in einem deutschen Supermarkt mal aus Versehen eine Dose Hundefutter. Das Abendessen war kein großer Erfolg und mein Schwiegervater blieb seitdem ewig misstrauisch gegen deutsche Küchenerzeugnisse. Weil meistens ich als Köchin für Familienfeste im Einsatz war, gab meine Schwiegermutter mir vorsichtshalber Wochen im voraus ihre Menüwünsche durch, mit genauen Rezeptangaben.

Durch die Schule meiner Familie bin ich zur Küchenitalienerin mutiert. Deutschland ist kulinarisches Ausland, manchmal richtig exotisch. Wenn der Lieblingsrömer etwa anregt, wir sollten „auf die Rewerbahn“ gehen (gemeint ist die im Lockdown einzig mögliche Lustmeile im Rewe), dann bestaunen wir fasziniert die mit Sauerkraut, Gurken, Rotkohl und Apfelmus überfüllten Regale. Das müssen die deutschen Lieblingskonserven sein, sonst gäbe es nicht so viel davon.

Allein die Namen: Burgergurken und Ananas-Kraut, Apfelrotkohl und Senfgurken. Toll, toll, toll. Soviel Sorten gibt es in Italien allenfalls bei der Pasta. Hier beschränkt man sich auf Spaghetti, Fusilli und Penne, also da geht noch was. Mich irritiert, dass auf den meisten Produkten nicht draufsteht, wo sie herkommen. Egal ob Zucker oder Hülsenfrüchte, Reis oder Marmelade, die Herkunft ist fast immer ungewiss. Noch nicht einmal beim Fleisch muss sie angegeben werden, dafür gibt es in Deutschland keine Käfigeier mehr: Punkt für die Rewerbahn. Bei Bio und Fairtrade steht es Unentschieden.

Mit Bio-Dosentomaten, Burrata und Sardellen geht es zurück in die Küche. Der Hefeteig ist schnell gemacht, die Pizza sowieso.

Während sie backt, finde ich noch ein paar Highlights von den „italienischen“ Speisekarten unserer kleinen Stadt. „Carbonara“ mit Sahne und Speck, „Aglio e Olio“ mit Cocktailtomaten, Sellerie und Parmesan, „Penne Alberto“ mit Filetstreifen, Sahne und Champignons, „Penne Pesto“ mit Sahne und Basilikum – und als absoluter Grusel-Favorit Bandnudeln mit Lachs-Proseccosauce.

Die Prosecco-Sauce hatte mich mal bei lieben Freunden erwischt, die liebenswürdigerweise gekocht hatten: Lasagne mit Wirsing, Lachs, Sahne und eben Dosen-Prosecco. Es war sehr exotisch, ein paar Ananasstücke hätten eigentlich gut dazu gepasst.

ItalienerInnen sind zugegebenermaßen Küchensnobs. Liegt aber auch daran, dass die italienische Küche mehrheitlich sehr einfach ist und man sich eigentlich Mühe geben muss, sie zu verhunzen. Für die meisten Gerichte reichen nur wenige Zutaten, die müssen halt gut sein. In Deutschland hingegen gibt es immer noch den Drang zu „Mehr ist mehr.“ Man sieht es zum Beispiel in der Zeitschrift „Essen und Trinken.“ Da arbeiten geschätzte Profis mit Redaktionsküche, genau wie bei „La Cucina Italiana.“ Doch die Zutatenliste bei den deutschen Rezepten ist immer viel länger. Anstatt Zwiebeln oder Knoblauch, Butter oder Öl, Petersilie oder Basilikum, Essig oder Zitrone wird immer beides genommen, Sahne ist immer noch allgegenwärtig und der Bierteig für Backfisch wird mit Koriander, Kreuzkümmel und Chili gleich dreifach überladen. Dazu noch Paprika-Remoulade, wer soll das aushalten?

Weniger ist mehr, dann klappt es auch mit der italo-deutschen Fusionküche. Zum Steckrübenrisotto etwa die Rübe klein würfeln, mit einer (!!!) Knoblauchzehe und einer Winzigkeit Orange anbraten, zehn Minuten schmoren lassen, den Reis draufgeben und mit wenig Wasser garen. Kein Wein, keine Sahne, nur zum Schluss ein wenig Parmesan. Safran ist möglich.

Wenn ich noch fauler bin, werfe ich geputzte und halbierte Rosenkohl-Röschen mit den Nudeln ins Wasser, gieße nach zehn Minuten alles zusammen ab und röste es kurz mit Knoblauch, Paniermehl und Olivenöl in der Pfanne. Kein Parmesan. Mit Grünkohl funktioniert dieses Gericht genauso gut. Was auch ganz schnell geht: Pesto aus blanchierten Wirsingblättern, Mandeln und Pecorino-Käse, dito aus rohem Radicchio, Walnüssen, ein bisschen Gorgonzola.

Das Gemüse gibt’s natürlich auf dem Markt. Wunderbarer deutscher Winterkohl! Ein letzter Tipp: Endiviensalat kurz kochen und anschließend mit Kapern und Knofel in der Pfanne schmoren. Schmeckt hervorragend als Pizzabelag! Oder zum Speckkuchen.

Soviel aus der Küche. Man gönnt sich ja sonst nichts.

2 Gedanken zu “Auf der Rewerbahn

  1. Ich komme gerade vom Mittagessen im Home Office, habe aber beim Lesen sofort wieder Appetit bekommen. Hast Du schon mal drüber nachgedacht, ein Kochbuch zu verfassen? Könnte man ja vielleicht mit Fußball kombinieren…

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