Auf ein Neues

Aber was wird wirklich neu? Die Probleme sind uralt, seit Jahrzehnten noch nicht mal ansatzweise gelöst – und das Personal kennt man eigentlich auch schon eine Weile. Die Vereidigung der Regierung von Mario Draghi (73) ähnelt dem ersten Schultag nach den großen Ferien, die für die einen etwas länger dauerten als für die anderen. Lange pausiert haben etwa die MinisterInnen von Forza Italia, der aggressive Renato Brunetta (zuständig für Öffentliche Verwaltung), die liberale Mara Carfagna (früher Showgirl und Aktmodell, dann Gleichberechtigungsministerin, jetzt zuständig für den Süden) und Maria Stella Gelmini (Kernkompetenz: Berlusconis Treueste). Überhaupt nie weg war Außenminister Luigi Di Maio (5 Sterne), den man andererseits im Ausland auch nie bemerkt hatte, außer vielleicht in Südtirol. Für Di Maio ist es die dritte Regierung in drei Jahren, aber er ist immer noch blutiger Anfänger – in allem. Drei Ministerien an Berlusconi (davon zwei Frauen), drei an Salvinis Lega (eine Frau), vier an die Sterne (eine Frau), eins an Renzi (eine Frau), drei an die PD (keine Frau). Keine Frau? Keine Frau. Bei so wenigen Posten war halt kein Platz für Schnickschnack. 

Zum Glück hat Draghi drei Schlüsselministerien mit parteilosen Expertinnen weiblich besetzt – Innen, Justiz und Universität. Noch besser wäre gewesen, er hätte das Finanzressort einer Frau übergeben und dazu Umwelt und Energie. Aber die sind zu wichtig, da geht’s um zuviel Geld, nämlich um einen Riesenbatzen der 200 Milliarden von der EU. Da müssen Männer ran.

Acht Frauen von 23 Ministern, die meisten „ohne Etat“, also am Katzentisch, das zeigt überdeutlich, wo Italien heute steht: Vorgestern. Wahrscheinlich wird eher eine Frau Papst oder US-Präsidentin als Regierungschefin in Rom. Da nützt auch das ganze Zukunftsgeheul nichts und die Euphorie um Draghi. Dass die PD-Männer tatsächlich mit dem finsteren Flüchtlings-Jäger Salvini regieren, die Sterne mit dem verhassten Berlusconi und alle zusammen mit dem noch verhassteren Renzi, hat nur einen einzigen Grund: Alle wollen sie Zugriff auf die Kohle. 

Jede Wette, dass die ersten Streitereien noch in der Stunde nach der Vereidigung losgehen. Jede Wette, dass das Kabinett Draghi trotzdem länger durchhält als die Regierungen von Giuseppe Conte (der übrigens schon abgehakt ist und ab nächste Woche wieder bei seiner alten Uni Vertragsrecht unterrichtet). Denn es geht halt um sehr viel Geld. Nur wer dabei ist, kriegt was ab. Nach diesem Motto funktioniert Italiens Politik seit gut 2000 Jahren.

Den ItalienerInnen ist es inzwischen ziemlich egal, wer sie regiert. Hauptsache, es passiert endlich etwas. Hauptsache, man macht mal einen Schritt nach vorn. Wie das gehen soll, mit so wenig Frauen und einem MinisterInnen-Durchschnittsalter von 54 Jahren (okay, noch unter der 1. Mannschaft von Milan), das weiß wohl nur der aus dem Ruhestand zurück beorderte Mario Draghi.

Hoffentlich.

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