Römerinnen!

In den vergangenen drei Jahrzehnten habe ich überwiegend über Männer geschrieben. Das lag sicher auch an den Themen meiner Artikel: In Politik und Wirtschaft sind Frauen in der Minderheit, im Profi-Sport kommen sie so gut wie gar nicht vor. So lange, wie der Fußball als globale Unterhaltungsindustrie die Sportteile füllt, werden Frauen unter „Restsport“ sortiert. So heißt das in der Branche, und darunter fällt natürlich auch der Frauenfußball.

Restsport. Ich habe also etwas aufzuholen. Und nicht nur ich.

Bei den Recherchen zu meinem ersten Buch über Frauen stellte ich fest: Auch die Herren Historiker schreiben am liebsten über Männer. Ganz früher, damals und heute immer noch. Sozusagen mit wachsender Begeisterung. Denn auch im 21. Jahrhundert gibt es Biografien über Augustus, die auf 450 Seiten genau zwei Mal sein einziges Kind Julia erwähnen. Wurde geboren, wurde verheiratet, hat den Papa verärgert, wurde verbannt. Und schon ist man fertig mit Julia. Um Brechts Frage des lesenden Arbeiters zu variieren: „Augustus erbaute Rom und sein Reich neu. Ja, war denn keine einzige Frau dabei?“

Oder nehmen wir Nero, den Christenverfolger und Wüterich. Neuerdings ist es en vogue, sein schlechtes Image ein wenig aufzupolieren, aber keiner seiner (männlichen) Biografen macht sich die Mühe, auch die alten Klischees über Neros Mutter Agrippina zu hinterfragen. Wie weiland Tacitus und Sueton behaupten sie tapfer, Nero habe seine dominante Mama irgendwann nicht mehr ertragen und sie deshalb umgebracht. Tja, Agrippina – selber schuld! Das kommt davon, wenn man seinen Sohn zu sehr bevormundet. Um Nero an die Macht zu bringen, soll Agrippina ihren eigenen Gatten Claudius vergiftet haben. Aber vielleicht ist das nur ein Schauermärchen, bewiesen ist jedenfalls gar nichts. Belegt ist hingegen, dass Claudius nur mit Hilfe der Briganten-Fürstin Cartimandua Britannien erobern konnte. Steht schwarz auf weiß bei Tacitus, ist aber in der Versenkung verschwunden.

Bis heute gilt Agrippina als Lady Macbeth der Antike und eines der größten weiblichen Monster aller Zeiten. Dabei muss man sich nur die Mühe machen, die alten Quellen ein wenig genauer zu lesen. Und siehe da, ihnen entsteigt eine umsichtige Politikerin, die sich um die Staatsfinanzen ebenso kümmerte wie um die Befriedung der Provinzen. Die freigeistige Agrippina ermöglichte zudem einem gewissen Seneca seine große Karriere. Zum Dank beteiligte der Philosoph sich am Mordkomplott gegen sie.

(Foto mit freundl. Genehmigung von Anna Homberg)

Natürlich hatte auch Nero nur eine Mutter. In meinem Buch geht es um sie, um seine Großmutter und seine Urgroßmutter. Es geht um hundert Jahre Herrschaft des julisch-claudischen Clans, hundert Jahre Rom, hundert Jahre Weltgeschichte. Und hundert Jahre Frauengeschichte.

Fast alle weiblichen Nachkommen des Augustus wurden verbannt und starben in Gefangenschaft oder eines gewaltsamen Todes. Augustus Tochter Julia wurde wegen Ehebruchs auf die Insel Ventotene deportiert und verhungerte weitab von Rom. Ihre Tochter, die ältere Agrippina, wurde von Tiberius als Staatsfeindin ebenfalls nach Ventotene verschleppt und starb dort den Hungertod. Auch ihre Tochter, die jüngere Agrippina, war auf Ventotene gefangen – auf Befehl ihres Bruders Caligula. Die Gefängnisinsel der Kaiserfrauen wurde Jahrhunderte später von Mussolini wieder entdeckt, der seine politischen Gegner dorthin verfrachtete. Aber Augustus hatte es erfunden.

Neros Mütter waren die reichsten und mächtigsten Frauen der Welt. Rom und das Reich lagen ihnen zu Füßen. Sie kommandierten Heerscharen von Sklaven, zeitweise sogar Legionäre. Sie ritten über die Alpen und segelten auf dem Nil, sie speisten mit Ovid oder publizierten selbst ihre Memoiren. Wenn sie aber den Männern der Familie zu gefährlich wurden, mussten sie verschwinden. Lange, allzu lange fand die Geschichtsschreibung: Zu Recht.

„Neros Mütter“ ist heute im Berenberg-Verlag erschienen. Tausend Dank!

5 Gedanken zu “Römerinnen!

  1. Werden Sie evtl. eine online Lesung anbieten? Falls ja, würden wir uns freuen. Sie sollten sich dann aber bei ihrem ehemaligen Kollegen Axel Hacke erkundigen, welche Fehler man vermeiden sollte. Die Veranstaltung klappte erst im zweiten Anlauf. Naja, dadurch konnte man sich immerhin die Zeit aussuchen.

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  2. Ja, das sind die Zeiten des zweiten Anlaufs – und auch des dritten und vierten. Nichts klappt, wie wir das gewöhnt sind und bislang für normal hielten. Aber vielleicht ist das ja einfach eine neue Normalität. Und wie Sie so richtig bemerken: Auch das hat seine Vorteile. Ich halte Sie auf dem Laufenden – so lange dieser Blog nicht abstürzt.

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  3. Das ist ein ganz wunderbares Buch über die Frauen und auch die Männer, kurz: die Menschen und das Leben im alten Rom. Anschaulich, detailreich und fulminant geschrieben. Kompliment und Glückwunsch, Birgit!

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