Ostern am grünen Fluss

Hier also fließt Old Europe. Vor zweitausend Jahren zogen die Römer den Fluss hinauf, immer wieder, in Richtung Osten. Vor allem die Claudier: Drusus, Tiberius, Germanicus mitsamt ihren Legionen. Und natürlich der unglückliche Varus, den die Krieger des römischen Offiziers Arminius vernichtend schlugen. Auch danach marschierten noch tausende von Männern die Lippe entlang, um Roms Macht und Stärke zu mehren. Es wurde nichts daraus, Germanien ließ sich nicht erobern. Heute ist die „Römerroute“ an der Lippe ein Fahrradweg mit Kilometerstandsanzeigen in römischen Zahlen. Meilen wären wohl zuviel des Guten gewesen.

Außer den Römerhelmen auf den Wegweisern erinnert nichts an die Kriege vergangener Zeiten. Der Fluss meiner Kindheit durchschlängelt eine Proustische Auenlandschaft, auch der Weißdorn blüht ganz wie in Combray. Vor allem aber sind da Weiden, einstweilen nur mit grünem Flaum bezogen. Bald wird sich ihr Dach schließen, dann liegt die Lippe im Schatten. Jetzt aber lassen die Bäume das Frühlingslicht noch so gut wie ungefiltert im Wasser changieren.

Die Gegend ist flach, der Himmel weit. Einst war es ein Land der Windmühlen, heute wird nicht länger Getreide gemahlen, dafür Strom produziert. Die Proteste halten sich in Grenzen, schließlich hat man schon immer mit dem Wind gearbeitet und dafür riesige Flügel gebaut, die die Luft durchschnitten.

Vögel gibt es genug. Die Wildgänse sind nach Wochen langer Rast weiter nach Norden gezogen. Geblieben sind die Störche.

In meiner Kindheit bildete so ein Storch eine echte Sensation. Inzwischen stehen für sie überall einladend vorgefertigte Horste, dieser wird gerade kritisch beäugt. Störche bei der Wohnungsbesichtigung! Wer weiß, was für sie den Ausschlag gab, niedergelassen haben sich diese beiden jedenfalls woanders.

Kaum vorstellbar, dass sie die Nachbarschaft nicht mochten. Landwirtschaft gibt es natürlich noch, inmitten des Vogelschutzgebiets grasen schwere Fleischrinder, aus deren Futtertrögen sich ein penetranter Biergeruch erhebt. Das Vieh bekommt Biertreber, ein eiweißreiches Abfallprodukt der Brauereien. Passt doch zur Römerroute, bekamen doch die Schweine in der Antike kurz vor dem Schlachten Honigwein ins Futter gemischt. Ob dieses Kälbchen mit der Muttermilch auch schon ein paar selig machende Promille saugt? Früher war Bier in Westfalen ja ein Grundnahrungsmittel, auch für Kinder. Biersuppen waren sozusagen das täglich Brot. Vor meiner Zeit!

Einen Stall haben die beiden noch nie von innen gesehen. Stattdessen haben sie ihren Ausblick auf majestätische Bäume. Soviel Grün in Grün.

Oben segelt der Reiher.

Und unten stolziert, im letzten Abendlicht, der Adebar. Der sich im Unterschied zu den Rehen und Hasen auch noch ganz geduldig fotografieren lässt (mit Sicherheitsabstand natürlich).
Soviel zum Osterspaziergang im April 2021.

Die Italiensehnsucht lassen wir heute mal zu Hause, mitsamt ihrem Erfinder, dem ollen Goethe. Stattdessen die Recherche auf die Ohren, im eleganten Wiener Singsang von Peter Matic gelesen. Um zu merken, wie viele Welten uns in dieser Zeit trotz allem offenstehen.

Bleibt gesund!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s