Carbonara-Day

Keine Ahnung, welchem Genie es eingefallen ist, den 6. April zum „Carbonara-Day“ zu erklären, also zum Tag jener Eier-und-Speck-Spaghetti, die als römischer Klassiker gelten. Das Gericht ist denkbar einfach: Al dente gekochte Spaghetti werden in ein warmes Gemisch aus gebratenem Speck, gequirltem Eigelb und geriebenem Pecorino-Käse gegeben. Die Eier müssen dabei cremig bleiben. Simpel, simpel, simpel. Zum Nachlesen nochmal hier, auf der Schweizer Seite mit dem genialen Namen Pilatus.

Die Schweizer erwähnen auch eine alte Debatte, die sich an der Carbonara entzündet: Mit Sahne oder ohne Sahne? Andere Konfliktherde: Mit oder ohne Weißwein? Geht normaler Speck oder muss es Guanciale sein, der luftrockene aus der Schweinebacke? Und geht anstatt Pecorino auch Parmigiano? Dürfen es wirklich nur ein, zwei Eigelb sein?

Vor Wochen ist im Netz ein veritabler Küchenkrieg um die Carbonara entbrannt, weil die New York Times sich erdreistet hatte, eine Variante mit Tomate zu präsentieren. ItalienerInnen aus aller Welt machten ihrer Empörung und Verachtung Luft – und weil man gerade dabei war, wurden auch die anderen „Sünden“ gegeißelt. Italien gegen den barbarischen Rest der Welt ist das Dauerthema für diesen spezifischen Küchenchauvinismus, über den ich vor hundert Jahren auch mal im „Tagesspiegel“ geschrieben habe.

Ganz ehrlich: Damals wie heute finde ich es nicht nur lächerlich, sondern auch ziemlich reaktionär. Persönlich würde ich keine Carbonara mit Sahne oder Räuchertomaten essen – aber warum es allen anderen auch verbieten? Auch wenn mir beispielsweise die deutsch-italienische Gastroküche mit ihrem Vorderschinken auf der Goudapizza den Appetit vergehen lässt, rufe ich doch nicht gleich die Küchenpolizei. Das Zeug soll schmecken, mehr nicht! Wenn die Lokalpolitiker des Bergdorfes Amatrice sich seinerzeit weniger für die Verteidigung ihrer Bucatini all’Amatriciana ins Zeug gelegt hätten (Keine Zwiebeln! Nur Backenspeck! Kein Parmigiano!) und mehr dafür, ihren Ort erdbebensicher zu machen, dann wäre die Katastrophe 2016 vielleicht eine Nummer kleiner ausgefallen. Damals aß Italien übrigens aus Solidarität Monate lang Bucatini all’Amatriciana, die Restaurants führten jeweils einen Obolus für die Wiederaufbauhilfe ab. Ich aß nicht mit, mir schmecken sie schlicht nicht. Der Speck. Auch für die Carbonara benutze ich – Sakrileg! – lieber gebratenen Parma-Schinken.

Natürlich bin ich nicht die einzige, die frei Schnauze kocht. In Rom hat sich längst die vegetarische Carbonara mit Spargel oder Zucchini durchgesetzt. Und gestern blätterte ich zufällig mal wieder durch das herrliche Kochbuch von Sophia Loren, „In Cucina con Amore“, aus dem Jahr 1971: „Alles, was Sie sehen, verdanke ich Spaghetti.“ Grande, grandissima Sophia. Natürlich gibt es auch ein Carbonara-Rezept, auf Seite 53. Man nehme: Olivenöl, Butter (!), 150g Pancetta (!!), sechs Eigelb (!!!), 2 EL Sahne (!!!!), 2 EL Pecorino oder Parmigiano (sic!) und 600 (!!!) Gramm Spaghetti. Darüber sage und schreibe: Petersilie.

Wenn es sie nicht gäbe, man müsste Sophia Loren erfinden. Bei der Carbonara bin ich mir nicht ganz so sicher.

2 Gedanken zu “Carbonara-Day

  1. Gibt es eigentlich auch einen Berliner Buletten-Streit? Die macht auch jeder ein bisschen anders, und die besten sind und bleiben immer die von Muttern.
    Spaghetti Carbonara habe ich in meinen ersten Jahren in Italien von meinem damaligen Freund gelernt. Das war simpel, für einen Studenten erschwinglich und schnell zubereitet. In einer Pfanne Pancetta in ein wenig Öl auslassen, über die gekochten Spaghetti geben, zwei ganze Eier drüber, zügig unterrühren, fertig. Parmesan kam dann nach Belieben obendrüber.
    Wenn ich sie mache, dann immer noch so 😊 Ich verweigere mich aber keiner Gourmetvariante im Ristorante.
    LG Anke

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