Stuprum

Im alten Rom bedeutete „stuprum“ gleichzeitig Vergewaltigung, Ehebruch und jede andere Form von außerehelichem Sex. Bei Frauen.

Daran musste ich denken, als ich das schockierende Video von Beppe Grillo sah, in dem der Gründer der Fünf-Stern-Bewegung schreiend und mit vulgärster Wortwahl seinen Sohn „verteidigt“. Grillo junior steht vor einer Anklage wegen Vergewaltigung. Er soll im Sommer 2019 gemeinsam mit drei Freunden in einer Villa seines Vaters an der Costa Smeralda eine 19-Jährige zum Sex gezwungen haben.

Grillos Sohn und seine Freunde waren zur vorgeblichen Tatzeit ebenfalls 19 Jahre alt. Die Staatsanwaltschaft beruft sich unter anderem auf ein Video der Tat, das auch Vater Grillo erwähnt. Zu sehen, so der Politiker, seien „junge Menschen in Unterhosen, die ihren Spaß haben und aus lauter Übermut ihren Piepmatz herausholen.“ Wörtlich.

Das mutmaßliche Vergewaltigungsopfer sei „einverstanden“ gewesen, behauptet Grillo. Einverstanden mit dem Gruppensex. Andernfalls wäre sie nicht erst acht Tage später zur Polizei gegangen. Und die Justiz hätte nichts gegen sein Sohn in der Hand. Sonst hätte man ihn sofort verhaftet „und ich selbst hätte ihn mit Tritten in den Arsch in den Knast befördert.“

Grillo ignoriert hier bewusst die Gesetzeslage. Natürlich kann sexuelle Gewalt lange nach der Tat zur Anzeige gebracht werden, der Gesetzgeber berücksichtigt die oftmals lähmende Scham der Opfer. Und natürlich folgt nicht auf jede Anzeige ein Haftbefehl gegen den mutmaßlichen Täter.

Beppe Grillo selbst ist vorbestraft. Weil er letztinstanzlich wegen fahrlässiger Tötung von drei Menschen verurteilt wurde, kann er kein öffentliches Amt ausüben. Das Urteil bezieht sich auf einen Unfall im Dezember 1981. Damals verlor Grillo auf eisglatter Straße die Kontrolle über seinen Wagen. Er selbst konnte sich aus dem Fahrzeug retten, bevor es in einen Abgrund stürzte. Eine ganze Familie – Vater, Mutter und Sohn – aber musste in Grillos Auto sterben.

Das Video zeigt Grillos Verachtung gegenüber Recht und Gesetz. Es zeigt auch seine schier bodenlose Aggressivität gegenüber Frauen.

Auf seinem Blog hatte Grillo seinen Anhängern auch einmal die rhetorische Frage gestellt: „Was würdet ihr tun, wenn ihr mit Laura Boldrini allein in einem Auto säßet?“ Die suggerierte Antwort: Nichts Gutes. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich eine Palette von Übergriffen vorzustellen. Auf der Piazza geiferte Grillo: „Laura Boldrini muss schnell von einem Prinzen wachgeküsst werden. Die Schmerzensreiche!“

Die linke Menschenrechtsaktivistin Laura Boldrini war damals Präsidentin der Abgeordnetenkammer und den schlimmsten sexistischen Angriffen ausgesetzt. Grillo beförderte das, genau wie Lega-Führer Matteo Salvini, der mit einer Gummipuppe für Sexspiele als „Boldrinis Doppelgängerin“ auftrat. Typen wie Grillo und Salvini nutzen jede Gelegenheit, um ihre politischen Gegnerinnen wegen ihres Geschlechts herabzuwürdigen. Insofern ist das Video, mit dem Grillo gegen das mutmaßliche Opfer einer Gewalttat hetzt, wenig überraschend.

„Stupro“ bedeutet im Italienischen Vergewaltigung. Und nichts anderes. Doch wenn man Grillos Video sieht, wähnt man sich im alten Rom. Das Opfer wird als Täterin dargestellt, es wird verhöhnt und als Lügnerin angeprangert.

Zur Zeit von Augustus wurde „stuprum“ mit Verbannung bestraft. Für die Frauen. Grillo betreibt in seinem Video die Ächtung einer jungen Frau, die es gewagt hat, sich seinem Sohn zu widersetzen. Er kennt ihren Namen. Was, wenn er ihn in der nächsten Verbalattacke nennt? Er droht unverhohlen. Und er klingt unglaublich brutal.

Im Italien des Jahres 2021 geben solche Männer immer noch den Ton an in der Politik. Sie werden weniger, aber noch sind sie nicht zu überhören. Sie können Kübel von Hass über Frauen ausgießen, sie können Frauen beleidigen, bedrohen, verfolgen. Weil viele, sehr viele im Land das ganz normal finden.

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