Bella Ciao

In den vier Jahrzehnten ihres Daseins hat die Deutsche Demokratische Republik vermutlich keinen auch nur annähernd so glamourösen Moment erlebt wie den Auftritt von Milva im Palast der Republik. Die atemberaubend elegante Sängerin im Bühnenlicht und hingerissen applaudierende Genossinnen und Genossen dort, wo sonst Parlament gespielt wurde.

Am übernächsten Tag, dem 1. November 1988, machte das „Neue Deutschland“ mit der Schlagzeile auf, „Plandiskussion zielt auf Gewinn der Produktivität.“ So trostlos grau war die offizielle DDR. Aber auf Seite 4 stand, was das Volk wirklich bewegte, schließlich war das Ereignis vom Fernsehen übertragen worden. Mit „Begeisterung und Blumen für die Lieder der Milva“ wurde da geschwärmt von der „schönen Italienerin mit dem wallenden roten Haar.“ Die Welt da draußen konnte so bunt sein!

Jetzt ist Milva mit 81 Jahren gestorben. Ihr Tod am Vorabend des Nationalfeiertags am 25. April gilt manchen als Menetekel. Denn mit Milva ist die Sirene des italienischen Antifaschismus verstummt.

Der Gedenktag zur Befreiung vom Faschismus ist seit Jahren umstritten, der weltweit populäre Partisanensong „Bella Ciao“ auf vielen Gedenkfeiern verpönt, von manchen Bürgermeistern wird er ausdrücklich verboten. Etwa im umbrischen Amelia, das von einer Rechtskoalition verwaltet wird. Der Text von „Bella Ciao“ sei zu spaltend und deshalb nicht erwünscht, entschieden die umbrischen Lokalpolitiker.

Nicht erwünscht wie die Abrechnung mit dem Faschismus und wie ein Nationalfeiertag, der daran erinnert, dass Italien von einem menschenfeindlichen Regime befreit werden musste. Heute wird von der Rechten massiv die Ansicht verbreitet, Antifaschisten seien Kommunisten, die aus dem Parlament in Rom einen Palast der Republik machen wollten. Dabei sitzen auf dem Montecitorio schon seit vielen Jahren keine Kommunisten mehr, Neofaschisten aber schon.

Milva hat „Bella Ciao“ und andere Partisanenlieder bei unzähligen Auftritten gesungen. Im Staatsfernsehen RAI interpretierte sie einmal die Originalversion, das Lied von norditalienischen Reispflückerinnen. Beeindruckend lakonisch und geschickt spannte sie den Bogen von der LandarbeiterInnenbewegung des 19. Jahrhunderts zur Antifa. Indem sie von Frauen sang, die gepeinigt von „Mücken und Insekten“ arbeiten mussten, während ihr Vorarbeiter „aufrecht mit seinem Stock“ aufpasste, dass keine aus der Reihe tanzte.

Davon sang die große Milva. Heute springen einem, wenn man die RAI einschaltet, Matteo Salvini und Konsorten ins Gesicht. Jeden Tag ist Salvini jetzt wieder auf allen Kanälen, weil seine Lega Teil der Regierung ist. Die Rechte hat also jene Aufmerksamkeit, die sie benötigt, um zu erstarken. Widersprochen wird ihr im Fernsehen schon lange nicht mehr. Und „Bella Ciao“ darf im RAI-Unterhaltungsprogramm erst recht nicht gesungen werden, auch nicht in der Originalversion.

Soviel zu Italien. In Berlin erhebt sich an Stelle des Republik-Palastes wieder das Stadtschloss der Hohenzollern, ein gewaltiger Schritt zurück anstatt nach vorn. Entworfen hat das eklektische Monstrum mitsamt dem Humboldt-Forum ein Landsmann von Milva. Nichts erinnert daran, dass an jener Stelle einst die DDR von Italien träumen durfte.

Ciao bella.

3 Gedanken zu “Bella Ciao

  1. Umso so erfreulicher, dass heute am 25. April, die „Veteranin“ des italienischen Geräteturnens, Vanessa Ferrari, zu den Noten von Bella Ciao beim Bodenfinale der Turn-WM die Bronzemedaille erkämpft hat. Saluti aus der Lombardei von einer Ostdeutschen, für die die großartige Milva in ihrer Jugend ein Stück Italien war. Davon schrieb ich in einem Blogbeitrag, in dem ich versuchte zu erinnern, was ich damals (überhaupt) von Italien kannte. LG Anke

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  2. Ich muss korrigieren: Europameisterschaften waren das an diesem Wochenende, in Basel. Ich bin gedanklich immer noch in Stuttgart bei der WM hängen geblieben. 😉 Trotzdem ein schöner Erfolg.

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