Zur Einigkeit

In unserer kleinen Stadt in Westfalen liegt die Inzidenz über 100. Wer in ein Geschäft oder zur Friseurin will, muss einen Schnelltest machen. „Alles bloß wegen ein paar Schrauben im Baumarkt“, mault der dicke Sechziger vor mir in der Schlange. Seine Frau rollt mit den Augen. Wahrscheinlich hört sie das jetzt nicht zum ersten Mal.

Wir stehen im schönsten Sonnenschein, bezwitschert von Amsel, Drossel, Fink und Star, beim Schützenverein Einigkeit an. Das Vereinsheim hat ein Kumpel meines jüngsten Bruders angemalt. Da muss ein Foto her:

Ich hätte ja nie gedacht, dass ich die Einigkeit oder irgendeine andere Schützen-Lokalität mal betreten würde. Aber Corona macht es möglich. Bei den Pfadfindern war ich auch schon. Ist doch großartig, dass man auf diese Weise Orte kennenlernt, die einem sonst entgehen würden. Und wie absolut sinnvoll, diese Locations für eine ganz neue Form der Geselligkeit zu nutzen: Die Testgemeinde.

Hier besteht sie zum größten Teil aus älteren Semestern, denn die Einigkeit hat nur nachmittags geöffnet, dafür ohne Anmeldung. Der Tester, ein stämmiger Mittzwanziger mit dröhnender Stimme, ist es offenbar gewöhnt, die Kundschaft zu beruhigen. Er beschreibt sehr detailliert, was jetzt gleich abgehen wird und fordert auf, den Daumen zu recken, falls es wehtut. Bei Missfallen Daumen hoch! Das ist doch interessant. Und schon geht’s los mit dem Doppelpack Rachen und Nase, „für ein sicheres Ergebnis.“

Auch in unserer kleinen Stadt gibt es also das ganze Corona-Programm, inklusive Querdenker-Autokorso jeden 2, Samstag. Beim letzten Mal waren 87 Autos dabei, was exakt 87 TeilnehmerInnen bedeutet, denn natürlich fahren die Querdenker hübsch solo, um mehr Masse zu machen. 87 Corona-Leugner würden sogar auf unserem kleinen Marktplatz einen ziemlich kleinen Haufen abgeben. Aber zwei Stunden lang den Verkehr blockieren, das macht richtig was her! Es gab fünf GegendemonstrantInnen, die von der Polizei angezeigt wurden, weil ihre Demo nicht angemeldet war. Man rauft sich die Haare, aber was will man machen, so geht halt Demokratie.

So richtig aus der Ruhe bringen lassen sich die Leute hier sowieso weder von den rechten Kfz-Marschierern noch von Corona. Klar, es ist schade, dass man sich zum Eisessen nicht direkt bei „Venezia“ hinsetzen kann. Aber ein paar Meter weiter stehen ja Bänke. Und auch, wenn die Kontakte eingeschränkt sind – beim Spaziergang über die Wälle trifft man sowieso alle Bekannten. Rein zufällig. Zu schweigen vom Wochenmarkt. Die Schlange vor der Spargelbäuerin ist der social event am Samstag.

Wahrscheinlich existieren viele solcher Orte in Deutschland. Städte ohne große Probleme, ohne echte soziale Brennpunkte, für die Corona zwar Sorgen und ein paar Einschränkungen bedeutet, aber noch lange keine Katastrophe. In denen nie mehr als ein Zehntel der Intensivbetten mit Covid-Patienten gefüllt waren und wo nun schon fast ein Drittel der EinwohnerInnen geimpft sind. Glückliche Inseln in einem Meer von Krise und Verzweiflung.

Der einzige Großindustrielle am Ort, die Bäckerei „Kuchenmeister“ hat an der Pforte zur feudalen Familienresidenz einen Gruß an die MitbürgerInnen installiert. „Geduldsfäden“ zum Abreißen und Mitnehmen. Abwarten und Tee trinken, mit der netten Corona-Deko!

„Kuchenmeister“ liefert Backwaren in 80 Länder, auch nach Indien und Brasilien. Aber die putzigen Geduldsfäden, die gibt es nur hier.

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