Grenzen der Gerechtigkeit

Fast 30 Jahre lang hat die Architektin Roberta Cappelli in Paris ein normales, bürgerliches Leben geführt. Eine Italienerin in Frankreich, eine Europäerin. „Freiheit ist kein abstrakter Wert“, hat Cappelli einmal der „Libération“ gesagt. „Für mich bedeutet Freiheit, dafür zu kämpfen, dass ich hierbleiben kann.“

Mit 66 Jahren hat Cappelli den Kampf um ihre persönliche Freiheit verloren. Sie muss als Gefangene zurück in ihre alte Heimat. Roberta Cappelli war eine Terroristin der Brigate Rosse. Sie soll an drei terroristischen Morden beteiligt gewesen sein und wurde deshalb in Italien zu lebenslanger Haft verurteilt. In Abwesenheit, weil die Angklagte sich der Justiz entzogen hatte. Sie war in Frankreich untergetaucht – unter dem Schutz des Staates. Ihre Freiheit wog schwerer als die Gerechtigkeit für die Terroropfer.

Der damalige Präsident Francois Mitterand, ein in der europäischen Linken bis heute legendärer Sozialist, hatte Cappelli und ihre Genossen unter seine Fittiche genommen. 1985 verfügte Mitterand, dass Italiener unter dem Verdacht des Linksterrorismus nicht ausgeliefert werden durften – es sei denn, man werfe ihnen Mord oder schwere Körperverletzung vor. Diesen einschränkenden Passus nahm er bald darauf zurück. 

Was unfassbar klingt, blieb über Jahrzehnte Realität. Frankreich behandelte die Männer und Frauen der Roten Brigaden und anderer linksterroristischer Gruppen wie politische Verfolgte und gewährte ihnen Asyl. Man stelle sich vor, die Mörder der Roten Armee Fraktion hätten ebenso im Nachbarland untertauchen können! Aber Italien wurde von Frankreich behandelt wie eine Diktatur, in der keine Bürgerrechte galten. Erst die Regierung Macron hob die skandalöse Mitterand-Doktrin auf – oder vielmehr: Der italienisch-stämmige Justizminister Eric Dupond-Moretti bezieht sich auf jenen „vergessenen“ Paragraphen, nach dem Beteiligte an Attentaten keinen Anspruch auf Schutz haben. Deshalb hat Frankreich soeben sieben mutmaßliche Terroristinnen und Terroristen der italienischen Justiz übergeben. Drei weitere sind flüchtig.

An dieser Stelle muss hinzugefügt werden, dass ehemalige Rotbrigadisten auch in Italien lange Zeit eine in Deutschland unvorstellbare Achtung und Sympathie genossen. Der Linksterrorismus wurde von vielen als quasi unvermeidliche Reaktion auf einen autoritären Staat entschuldigt, der seinerseits rechten Terror geduldet, ja sogar gefördert hätte. Ganz so, als habe sich Italien in den 70er und 80er Jahren in einer Art Dauer-Bürgerkrieg befunden, mit Neofaschisten und den von ihnen unterwanderten Geheimdiensten auf der einen Seite und dem linksradikalen „Widerstand“ auf der anderen. Erst in den letzten Jahren hat ein Umdenken eingesetzt.

Als Mario Calabresi, Sohn des 1972 von Linksterroristen ermordeten Polizisten Luigi Calabresi, 2016 Chefredakteur der linken „La Repubblica“ wurde, reagierten Teile der Leserschaft verschnupft auf den Rauswurf des Autors Adriano Sofri. Dabei war Sofri als Anstifter des Mordes an Calabresis Vater verurteilt worden. Nach Verbüßung der Haftstrafe schrieb er für Zeitungen. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der italienischen Altlinken fand es bedenklicher, dass Luigi Calabresis Sohn Chef der „Repubblica“ wurde, als dass ein ehemaliger Linksextremist für „Repubblica“ schrieb. 

Sofri und andere Mitglieder des linken Gruppe „Lotta Continua“ hatten den ermordeten Polizisten verdächtigt, für den tödlichen Fenstersturz eines Anarchisten aus dem Vernehmungszimmer der Mailänder Polizei verantwortlich zu sein. Als ich 1990 in Rom ankam, wurde bei den Partys meiner neuen Bekannten ganz selbstverständlich ein Lied gesungen, das Luigi Calabresi als Mörder des Anarchisten verunglimpfte. Calabresi zu verachten und Sofri zu verehren, gehörte sozusagen zum guten Ton. Die „Lotta Continua“-Leute waren damals in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Einige von ihnen machten als Journalisten Karriere bei Berlusconi. Vom linken Untergrund nach rechts oben.

Unter den Ausgelieferten aus Frankreich befindet sich nun auch der frühere „Lotta Continua“-Führer Giorgio Pietrostefani, einer der mutmaßlichen Drahtzieher des Mordes an Luigi Calabresi. Mario Calabresi hatte ihn vor Jahren in Paris getroffen. „Er hat sicher schlechter geschlafen als ich“, glaubte der Sohn des Opfers. Fakt ist: Pietrostefani blieb ungerührt in Frankreich. 

Mit der Übergabe der „Exilanten“ endet ein europäischer Justiz-Skandal. Ein anderer betrifft Deutschland: Als deutsche Staatsbürger waren in Italien gesuchte NS-Kriegsverbrecher vor Auslieferung geschützt. Sie durften in Freiheit sterben, ohne sich jemals vor einem italienischen Gericht für ihre Gräueltaten zu verantworten. 

Ein Gedanke zu “Grenzen der Gerechtigkeit

  1. Grazie, Birgit. Klingt wie aus einem Roman, ist aber leider die Realität, wie so vieles zum Thema Terrorismus.
    (ps: Die Formulierung „Vom linken Untergrund nach rechts oben“ muss ich mir merken, genial!)

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