Ein Mann allein am Kommando

Eigentlich verkneife ich mir Kritik an KollegInnen, vor allem an jenen meiner früheren Zeitung, der SZ. Das klingt immer so, als wolle man alte Rechnungen begleichen. Nicht mein Fall. Aber wenn es so dicke kommt wie in diesem heillos oberflächlichen, ja naiven Leitartikel zu den EU-Wiederaufbauhilfen für Italien, platzt mir dann doch der Kragen. Denn da wird allen Ernstes suggeriert, die EU gewähre Italien Hilfen und eine massive Neuverschuldung im Wert von insgesamt 248 Milliarden Euro allein deswegen, weil Mario Draghi so eine starke Position in Brüssel habe. Wörtlich:

„Der Name des ehemaligen Chefs der Europäischen Zentralbank wiegt schwerer als der schlechte Ruf Italiens. Das Land war in der Vergangenheit oft unfähig, Strukturhilfen aus Brüssel überhaupt auszugeben. Mal verspielte die irrwitzige Bürokratie das Geld, mal floss es in die falschen Taschen. Dennoch: Draghi glaubt man, ihm schon. Wenn es mal harzt, ruft er Ursula von der Leyen an, und alles ist gut. Er hat schließlich damals, in der Finanzkrise, den Euro gerettet mit seinem „Whatever it takes“, dem berühmten Satz.“

Echt jetzt? So läuft das also? Wenn es mal harzt (harzt!), ruft Mario die Ursula an und „alles ist gut“? So funktioniert Politik, so fließen die Hilfen? Ein Anruf genügt und Uschi schmilzt dahin, denn „bei Draghi denkt man eben immer, er wisse ganz genau, was er tut, auch wenn seine Gesten tollkühn anmuten und gegen den Strom gedacht sind.“

Gesten, gegen den Strom gedacht. Moment! Hier laufen nicht nur die Metaphern wild durcheinander, sondern die Konfusion ist total. Wie sonst könnte ein gestandener Journalist, Italienkorrespondent der SZ, auf die allerdings tollkühne Idee kommen, Brüssel halte zwar wenig von Italien aber so viel von dem ehemaligen EZB-Chef, dass alle Geldhähne offen sind?!

Un uomo solo al comando, sagten früher die Reporter beim Giro d’Italia. Ein Mann allein am Kommando. Es war ironisch gemeint. Alle wussten natürlich, dass ohne Wasserträger kein Radrennen zu gewinnen ist. Nur dem Korrespondenten der SZ ist offenbar entfallen, dass der formidable Draghi gerade den zweitstärksten Industrieproduzenten im Euro-Raum dirigiert. Jawohl, Italien ist die Nummer 2. Allein die Lombardei ist für Deutschland als Handelspartner wichtiger als Japan. Und wenn man das bedenkt, dann fällt einem eigentlich doch automatisch der nächste Satz zu Draghis legendärem „Whatever it takes“ aus dem Eurokrisen-Jahr 2011 ein, nämlich die Italien-Diagnose: „Too big to fail.“ Zu groß, um Pleite gehen zu dürfen. Vor allem jetzt, nach dem Brexit. Die EU muss Italien helfen, weil das für ihr eigenes Überleben notwendig ist.

Die Corona-Krise hat Italien und seine Wirtschaft schwer, viel schwerer getroffen als etwa Deutschland. Die Hilfen werden in der Tat dringend gebraucht für einen Neustart, denn das Land befindet sich seit Jahren im Stillstand, in der Dauerkrise. Diese Krise ist in erster Linie politisch-strukturell – und der Regierungschef Draghi ist ihr Emblem. Denn dass ein parteiloser Bankier an die Spitze einer nachgerade aberwitzigen Großen Koalition aus Populisten, Rechtsextremisten, Linken und Sozialdemokraten gerufen wird, verdeutlicht weniger die angeblichen magischen Fähigkeiten des Mario Draghi als den alarmierenden Zustand der italienischen Demokratie.

Die SZ sieht das anders: „Da ist eine Stimme geboren, laut und eigenständig. In der Europäischen Union hört man sie auch deshalb so klar heraus, weil andere wichtige Stimmen leiser geworden sind: Angela Merkel steht kurz vor dem Ende ihrer Kanzlerschaft, Emmanuel Macron geht geschwächt in die Präsidentschaftswahl 2022. Draghi dagegen, der Parteilose, regiert mit einer breiten Mehrheit im Parlament und ist wohl bis zum Ende der laufenden Legislaturperiode 2023 da. Zwei Jahre. So fällt Italien nun eine ganze Dosis Leadership zu – völlig unverhofft, aus dem Nichts gewissermaßen. Dank Draghi, dem Supereuropäer, und seinem Team von Experten.“

Ja, andere müssen auf ihre Parteien im Wahlkampf Rücksicht nehmen, wie Frau Merkel, oder gar selbst Wahlen überstehen wie Monsieur Macron. Draghi hat mit diesem lästigen Demokratie-Quatsch nichts zu tun und übernimmt, Achtung!, deshalb in Europa plötzlich „Leadership.“

Angeblich bis 2023. So lange hält die Lega still, obwohl Salvini schon jetzt jede Gelegenheit zum Störfeuer nutzt? Und so lange wird in Italien nichts anderes gemacht als Geld verteilt, keine Anti-Diskriminierungsgesetze, kein Einwanderungsgesetz, nichts, was den merkwürdigen Burgfrieden der Extremisten stören könnte? Nicht nur von der römischen Politik, auch von den Abläufen in Brüssel wird hier ein höchst verzerrtes Bild gezeichnet. Was glaubt der Kollege eigentlich, wie die EU funktioniert? Als Telefongezwitscher zwischen Von der Leyen und den Regierungschefinnen, als persönliches Gemauschel beim Zoom-Aperitivo?

Von wegen. Das Geld für die Corona-Hilfe muss gerade von allen Parlamenten bewilligt werden. Kleiner Tipp: Die Finnen stellen sich im Moment ein bisschen an. Vielleicht haben die noch nicht kapiert, dass in Rom gerade die EU neu erfunden wird. Mit „einer Revolution im Sprint. Mit einem Lächeln.“

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