Fußball hinter hohen Mauern

Ein kleiner Fußballplatz für fünf gegen fünf wird renoviert, das Beton-Spielfeld mit Kunstrasen überzogen – und dann kommen zur Eröffnung der Polizeipräsident von Neapel, wichtige Richterinnen, Funktionäre vom Fußballverband FIGC. Der Grund ist nicht, dass der Platz in einer der spektakulärsten Landschaften des Mittelmeeres liegt, auf einem wildromantischen Vulkanfelsen im Golf von Neapel. Sondern, dass er von hohen Mauern umgeben ist. Das Fußballfeld gehört zum Jugendgefängnis von Nisida.

Fußball soll für die derzeit 42 InsassInnen mehr sein als nur Sport und „eine Schule für den Respekt vor Regeln“, wie es sich der Polizeichef wünscht. Die Häftlinge können auch einen Trainerschein machen, nützlich für später. Durchschnittlich bleiben sie knapp drei Jahre auf dem Felsen, die meisten erfahren erst hier, wie es ist, regelmäßig zum Unterricht zu gehen, unter Anleitung zu lernen. „Unsere Jugendlichen kommen aus Neapel und sind dort in einer mafiösen Kultur aufgewachsen“, erklärt der überaus engagierte Gefängnisdirektor (hier in einem Video über die Insel und die Anstalt). Tatsächlich sind die Verhältnisse auf Nisida umgekehrt zu jenen in anderen italienischen Gefängnissen. Nur sechs Häftlinge sind Ausländer. Die meisten Haftstrafen wurden wegen Eigentumsdelikten und Drogenhandels verhängt, einige sitzen aber auch wegen Körperverletzung, sexueller Gewalt, Mord und Totschlag.

Trotz vieler Sozialhilfeprojekte (beispielsweise durch die „Straßenlehrer“) sind die Schulschwänzerquote und die Kriminalitätsrate in Neapel immer noch viel höher als anderswo. Die Camorra rekrutiert schon die Jüngsten, zahlt ihnen ein Taschengeld für Dienste als Drogenkurier, führt sie so in eine „Karriere“ in der Unterwelt. Alternativen zu finden ist schwierig.

Auf Nisida können die Jugendlichen lernen, Pizza zu backen, die Gerichte der neapolitanischen Küche zu kochen, gefördert von den Gastronomieverbänden. Wer Talent und Disziplin beweist, darf sich auf einen Job Hoffnung machen. Sie spielen Theater, probieren handwerklich zu arbeiten. Alles Dinge, die in der Welt draußen schwierig bis unmöglich sind. So verrückt es klingt: Für die jungen Gefangenen ist Nisida vor allem ein Schutzraum und eine Chance.

Früher, als die Insel noch dem Herzog von Amalfi gehörte, wurde das mittelalterliche Kastell als Pest-Lazarett und Quarantänestation genutzt. Seit 1934 existiert das Jugendgefängnis. Teile des alten Kastells wurden restauriert, andere Gebäude hinzugefügt. Auf Nisida hat jede Zelle eine Heizung und heißes Wasser – das ist längst nicht in allen italienischen Haftanstalten eine Selbstverständlichkeit.

Natürlich weckt Nisida als letzte vom Tourismus unentdeckte Insel im Golf von Neapel Begehrlichkeiten. Der ideale Ort für ein Luxushotel, viel exklusiver als Capri! Die Jugendlichen, so wird immer mal wieder von Möchtegern-Investoren angeregt, könnten doch aufs Festland umziehen. Es sei reine Verschwendung, ihnen einen der schönsten Orte Süditaliens zu überlassen.

Von wegen. Der freie Blick übers Meer gehört den Gefangenen. Nur auf dem Fußballplatz können sie es nicht sehen.

2 Gedanken zu “Fußball hinter hohen Mauern

  1. Haha! Das wird lustig mit Mourinho. Wir können ja schon mal wetten, wie lange die Roma und er sich gegenseitig aushalten. Hängt wahrscheinlich vom Gehalt ab. Seinen Mauerfußball wird er jedenfalls kaum durchsetzen können, aus Mangel an geeignetem Personal.

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