Göttliches Zöpfchen

Die römisch-katholische Kirche kennt die weise Regel, dass nur Tote selig oder gar heilig gesprochen werden können. Zur Seligsprechung braucht man ein Wunder, zur Heiligsprechung drei, aber das sind Details. Wichtig ist, dass man dem irdischen Leben entrückt sein muss, um in höhere Sphären aufzusteigen. Erst tot, dann heilig, niemals umgekehrt.

Die alten Römer machten es ebenso. Der Kaiser ist tot, es lebe der Gott. Um das Ganze noch ein bisschen pompöser zu machen, erfanden sie die Himmelfahrt. Ja, ganz recht, der Aufstieg in die Wolken ist kein christliches Monopol, im Gegenteil, Petrus und Paulus haben ihn sich wahrscheinlich bei den Landsleuten des Pontius Pilatus abgeguckt. Lange, bevor Jesus in den Himmel aufstieg, gelang das nämlich schon dem glanzvollen Heiden Augustus. Der glückliche Mann, der das bezeugen konnte, wurde von Augustus‘ Witwe Livia mit ein paar hunderttausend Sesterzen belohnt – eine gute Investition, wenn man bedenkt, dass die Vergöttlichung durch die Himmelfahrt amtlich war und Livia fortan nicht mehr nur eine ordinäre Kaiserwitwe, sondern die einzigartige Ehefrau eines Gottes.

Heutzutage ist aus der Himmelfahrt ein alkoholisierter Bollerwagen-Kreuzzug grölender Barbaren geworden und Legenden, Mythen und Idole verorten die meisten nur noch im Fußball. Früher brauchte ein Spieler mindestens zehn Jahre Nationalmannschaft, um mit dem Attribut Mythos bedacht zu werden, heute reichen zehn Spiele und drei Tore – was übrigens nicht an der Qualität liegt. Wohin der Hase läuft, konnte man schon begreifen als Jürgen Kohler zum Fußballgott erklärt wurde. Jürgen Kohler! Ich habe mal mit ihm zusammen im Fernsehen ein Fußballspiel kommentiert, bei dieser Gelegenheit kam er mir kein bisschen außerirdisch vor und ob ich auf seine Himmelfahrt eine Sesterze wetten möchte, das muss ich mir noch überlegen.

Die bisher letzte Stufe der Turbo-Vergöttlichung von Fußballern wird gerade mit der Verfilmung ihrer Biografien beschritten. Die Legendenbildung findet im Streaming-Fernsehen statt, mit echten, schlechten Schauspielern. Den Beginn machte „Speravo de morì prima“, eine Sky-Serie über Francesco Totti mit dem makabren Titel: „Ich hoffte, früher zu sterben.“ Das hatte Totti in einem schwachen Moment über sein Karriere-Ende geäußert, zum Glück ist der Mann quicklebendig. Vor vier Jahren, mit damals knapp 41, drehte er seine tränenreiche, letzte Runde auf dem Rasen des Stadio Olimpico. Eine ganze Stadt heulte damals mit ihm, eine neue Zeitrechnung wurde eingeführt, v.T. und n.T., vor Totti und nach Totti. Im Olymp ist er sowieso, ein Gott wie Totti braucht nicht mehr in den Himmel aufzufahren und wenn der olle Augustus längst vergessen ist, wird Rom immer noch Totti-Statuen polieren.

Aber eine Fernsehserie, während der Held noch voll im Saft ist und vielleicht demnächst von seinem alten Kumpel Mourinho zurück auf den Platz beordert wird, zur Verstärkung von Abwehr und Moral? „Das ist alles vielleicht noch ein bisschen zu früh“, gab Tottis Frau Ilary zu bedenken, eine angemessen zarte Kritik eingedenk der Tatsache, dass ihr Clan selbstredend auch an dieser billigen Heiligenverehrung Rechte geltend macht und entsprechend sein Scherflein abzweigen kann. Tatsächlich lag die Einschaltquote bei null, sogar die engste Totti-Verwandtschaft hatte offenbar gleich nach der ersten Folge besseres zu tun.

Nun ist Roberto Baggio dran, auf Netflix, gottlob nur ein Film und keine ganze Serie. Der Titel „Das göttliche Zöpfchen“ lässt Schlimmstes erahnen, scheint aber immerhin jugendfrei zu sein. Baggio hatte schon 2004 aufgehört, inzwischen lebt er als Privatier und Hobbylandwirt im heimatlichen Venetien, wo er gern verkündet, der Fußball von heute interessiere ihn nicht die Bohne. Er schaue auch keine Serie A mehr, sondern lasse sich lieber von Buddha erleuchten.

Klug und weise, ist doch der Fußballbetrieb vom Nirwana ungefähr so weit entfernt wie José Mourinho von der Heiligsprechung. Baggio hat übrigens mal gesagt, mit der Reinkarnation würde er am liebsten eine Ente werden.

Darüber würde ich ja gern mal eine Netflix-Serie sehen.

Ein Gedanke zu “Göttliches Zöpfchen

  1. Jürgen Kohler Fußballgott – dieser Titel wurde von der Südtribüne verliehen angesichts seiner heldenhaften Rettungstat im Champions-League-Halbfinale gegen ManU. Es gibt dazu einen wunderbaren Artikel im Netz: „Und das Old Trafford sprach: Es wurde Gott“ – ich finde zurecht!

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