Gendern all’italiana

18 italienische WissenschaftlerInnen, darunter zwei Frauen, haben einen Brief an Regierungschef Mario Draghi und Forschungsministerin Maria Cristina Messa geschrieben. Man pocht darin auf mehr Wahrnehmung, Wertschätzung und Geld, wie immer, wenn ForscherInnen an PolitikerInnen schreiben. Interessant ist allerdings die Anrede: Illustrissimo Presidente, Illustrissimo Ministro. 

Hochverehrter Präsident (Draghi), hochverehrter Minister (Messa). Moment mal!

Maria Cristina Messa, heißt es auf Nachfragen (einer der UnterzeichnerInnen ist mir gut bekannt) bestehe auf der männlichen Anrede. Man habe sich im Ministerium versichert. Tatsächlich ist der offizielle Lebenslauf in einer absurden Grammatik verfasst. Sämtliche Partizipien weiblich (è stata, laureata, impegnata), sämtliche Titel und Betätigungen männlich (professore, rettore, autore). Ein grotesker Sprachsalat, der leider von vielen mächtigen Italienerinnen angerichtet wird, die meinen, sie würden sich verkleinern und verniedlichen, wenn man sie als Frauen wahrnimmt und bezeichnet. 

Senatspräsidentin Maria Elisabetta Alberti Casellati ist ein weiteres Paradebeispiel für eine solch‘ anachronistische Haltung. Bei Amtsantritt bestand sie auf der Anrede „Il Signor Presidente“ – und argumentierte, man könne schließlich nicht das offizielle Briefpapier neu drucken lassen, nur weil erstmals eine Frau die Nummer zwei im Staate sei. Dabei hat es Casellati sonst gar nicht so mit dem Sparen, zuletzt machte sie Schlagzeilen, weil sie sich an den Wochenenden regelmäßig mit der Flugbereitschaft zur Familie nach Venedig bringen lässt. Der Herr Senatspräsident sitzt ungern vier Stunden im Zug oder im Auto, denn seine Zeit ist kostbarer als die der gewöhnlichen Steuerzahlerin. 

Üblicherweise sind diese Frauen auch gegen die Quote, in der Annahme, wenn sie selbst es geschafft hätten, könnte das auch jede andere. Ihre eigene Karriere nehmen sie als Beweis für Chancengleichheit – und merken nicht, dass ihr demonstrativer Verzicht auf die eigene Weiblichkeit erstens schon der Gegenbeweis ist und zweitens zutiefst frauenfeindlich: Ich bin besser als meine Geschlechtsgenossinnen, deshalb redet mich gefälligst als Mann an. Mit einer solchen Ministerin ist bei der Frauenförderung in Wissenschaft und Forschung kein Staat zu machen. Immerhin wird Italiens größte Universität, „La Sapienza“ in Rom erstmals in ihrer über 700jährigen Geschichte von einer Frau verwaltet, die sich „Rettrice“ nennen lässt und nicht „Rettore.“ Unter den ProfessorInnen der Sapienza ist jetzt das Gendersternchen im Einsatz. Nicht mehr „cari colleghi“, sondern car* colleg*.

Geht doch! An der Uni sind sie also schon weiter als im Forschungs-Ministerium. Doch auch anderswo setzt sich das korrekte „Ministra“, „Sottosegretaria“, „Sindaca“ durch. Bei den Jüngeren ist es längst normal, als „Avvocata“ angesprochen zu werden, anstatt als „Herr Rechtsanwalt.“ Aber „Maestra“ bezeichnet immer noch die Grundschullehrerin, während „Maestro“ als Titel für Stardirigenten oder für Andrea Pirlo reserviert ist.

Bleibt die Frage, ob man auf die Befindlichkeiten einiger weniger besonders mächtiger und besonders reaktionärer Frauen besondere Rücksicht nehmen muss. Denn wo kommen wir denn hin, wenn bei jeder Ministerin/Staatssekretärin/Bürgermeisterin erst recherchiert werden muss, wie sie denn angeredet werden möchte?

Das verlangen Männer ja auch nicht.

5 Gedanken zu “Gendern all’italiana

  1. Non ho parole. Das ist absurd! Ich sehe es persönlich nicht als kritisch an, Funktionen/Positionen in der neutralen grammatikalisch männlichen Form zu belassen, wenn man von der Funktion im Allgemeinen spricht. Sobald diese Funktion eine natürliche Person definierten Geschlechts innehat, sollte sie oder er doch seine grammatikalisch zutreffende Bezeichnung nutzen. Ich hoffe, unsere Sindaca sieht das genauso, bin mir aber nicht sicher, denn auf ihrer FB-Seite, im Wahlslogan, heißt es Sindaco 😉

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    • Erinnerst du dich noch, als Laura Boldrini Präsidentin der Abgeordnetenkammer war? Ist noch nicht lange her, 2013-2018. Sie war die erste hochrangige Politikerin, die auf der Anrede Signora Presidente bestand – anstatt Signor Presidente. Also Frau Präsident statt Herr Präsident, wirklich minimal und völlig korrekt. Ihre politischen GegnerInnen haben das systematisch ignoriert und, schlimmer noch, ins Lächerliche gezogen. Ich fürchte, deine Sindaca will Sindaco genannt werden…

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      • Ich erinnere mich vage. Dabei ist das mit Frau Präsident noch ein Kompromiss und klingt fast nach der altertümlichen Anrede für eine Präsidentengattin. Es sind noch nicht alle Kulturen so weit, wie wir mit unserer Frau Bundeskanzlerin. Traurig, aber wahr.

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  2. Man stelle sich vor, Angela Merkel würde in Pressekonferenzen mit „Herr Bundeskanzler“ angeredet…und fände das auch noch ganz normal. Aber meine Tochter, Italienerin, 26, versichert, sie und ihre Freundinnen würden sich über „diesen Quatsch von gestern“ gar nicht erst aufregen: „Mamma, die sind eh bald weg vom Fenster.“
    Es gibt also Hoffnung!

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