Hinter Gittern

Die Hälfte der BundesbürgerInnen hat die erste Impfung erhalten und zusehends dreht sich das allgemeine Lamento nicht mehr um Warteschlangen, Drängler, Biontech oder Astra, sondern um die Kopfschmerzen und den Schüttelfrost danach. Sowie natürlich um Urlaubspläne. Und während die Republik und ihr Gesundheitsminister der Kinder-Immunisierung und somit dem sorgenfreien Vor-Wahl-Sommer entgegenfiebern, schieben sich plötzlich diejenigen in den Vordergrund, die man im Eifer des Impf-Gefechts vergessen hatte (und ehrlich gesagt, auch sonst): Leute hinter Schloss und Riegel. Häftlinge. Knackis, wie mein Onkel Rolf zu sagen pflegte, der als Schließer in der JVA Werl arbeitete und in den Pausen stoisch Altgriechisch paukte, „damit mir die Spitzbuben nicht mein ganzes Hirn auffressen.“ War politisch nicht korrekt, der Onkel. Andererseits: Er war halt drin im Knast, ein Berufsleben lang. Und er meinte es übrigens zärtlich.

Knapp 40 der über 1000 Häftlinge in der JVA Werl sind Corona-positiv. Wie viele es noch sind und werden, wie stark sie betroffen sind – man weiß es noch nicht. Der Ausbruch der Seuche im großen Knast einer Kleinstadt hat jedenfalls schon blankes Entsetzen ausgelöst. Nicht wegen der Knackis. Sondern, weil er die Inzidenz im gesamten Kreis Soest wieder über 35 treibt und deshalb die Öffnung der so bitter entbehrten Innengastronomie bedroht. Alles wieder zu, nur wegen ein paar Häftlingen! Freiheitsberaubung durch Gefangene! Erst, als das Land NRW eine Ausnahmeregel anerkannte – Corona-Ausbruch innerhalb einer abgeriegelten Einrichtung kann nicht die Allgemeinheit betreffen – folgte das große Aufatmen. Das fehlte auch noch, dass uns ein paar Knackis vom Shoppen und Feiern abhalten, ganz zu schweigen vom wirtschaftlichen Schaden!

Ich frage mich: Wie kann das sein? Die Hälfte der Leute erstgeimpft und ausgerechnet die Häftlinge vergessen? Wieso sind die nicht priorisiert? Warum wurden die nicht schon nach Ostern geimpft? Gefängnisse sind wie Altenheime, Obdachlosenhäuser oder Flüchtlingsunterkünfte, auf engstem Raum leben viele Menschen zusammen, die da nicht weg können. Schleppt eine oder einer das Virus ein, kann es sich rasend schnell ausbreiten. Der Bund der Strafvollzugsbediensteten, also die KollegInnen von Onkel Rolf, macht schon seit Monaten auf das Problem aufmerksam. Offenbar ohne Resultat.

Es ist ein Skandal. Wer seine Strafe abbüßt, hat ein Recht auf Schutz durch den Staat, der ihn oder sie mit Freiheitsentzug belangt hat. Häftlinge gehören umgehend immunisiert. Schickt die KinderärztInnen in den Knast.

2 Gedanken zu “Hinter Gittern

  1. Hallo, Frau Schönau, Sie haben wieder einmal recht, es ist natürlich ein Skandal.
    Was lernen Menschen im Knast daraus? Und ist es ein zu weiter Bogen bis zu den Ursachen für Migration und zur Frage, was das alles mit dem „C“ in „CDU“ und „CSU“ bzw. mit dem fehlenden Inhalt zu dieser plakativen Abkürzung zu tun hat?

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  2. Kein zu weiter Bogen, glaube ich. Im Moment ist der Sozialdarwinismus wieder sehr en vogue! Als wären Rücksichtnahme, Fürsorglichkeit und Verzicht auf Privilegien Luxusartikel, die wir uns in der Pandemie leider nicht mehr leisten können.

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