Over the rainbow

Die Uefa verbietet München, das EM-Stadion zum Spiel Deutschland gegen Ungarn in Regenbogenfarben erstrahlen zu lassen. Als politisch und religiös neutrale Organisation müsse man ein solches Signal ablehnen, da es sich auf eine konkrete Entscheidung des ungarischen Parlaments beziehe. Natürlich ist die Uefa im Prinzip für die Freiheitsrechte aller Fußballfans, egal, welcher sexuelle Orientierung, Hautfarbe oder Religion. Seid so frei, geht klar! Nur halt nicht immer und nicht, wenn das Mehrheiten von Fans irgendwie stören könnte, dass auch Minderheiten so verdammt frei sind. Oder wenn das mächtige Fußballfreunde despektierlich finden. Die Uefa hat deshalb vorgeschlagen, die Arena in München doch einfach nächste Woche bunt zu machen – wenn Orbans Recken wieder abgezogen sind. Im Juli störe der Regenbogen keinen, vor allem nicht die homophoben Potentaten.

Wie bitte? Seit wann sind Menschenrechte abhängig von politischen oder religiösen Überzeugungen? Die Würde des Menschen ist unantastbar, egal, ob er ein schwuler, atheistischer Ungar oder eine lesbische, schiitische Iranerin oder eine katholische Hetero-Frau aus Polen ist. Gleichgültig ob Fußballerin oder Krankenpfleger, Soldatin oder Friedensforscher.

Mit dieser Entscheidung zeigt die Uefa nur zum gefühlt hunderttausendsten Mal, dass es ihr fern aller politischen und religiösen Überzeugungen nur um das Geschäft geht. Und die Demokratie-VertreterInnen in ganz Europa kuschen vor diesem Verein, lassen in der Pandemie Menschenmassen in Stadion, tolerieren die vollen Arenen in Ungarn und die fröhlich umherziehenden Delta-Jungs aus Brexit-Country, während der Rest der Menschheit, also die ohne Eintrittsticket für die EM-Stadien, sich brav weiter an die Vorschriften hält. Italien zum Beispiel hat gestern eine Quarantänepflicht für Touristen aus Großbritannien eingeführt, nachdem die Partie gegen Wales abgepfiffen war. Die Regierung Draghi hatte eigens einen Tag mit der Einreiseverschärfung gewartet, um die Waliser Fans nicht in die Bredouille zu bringen.

So sieht’s aus, Freundinnen des Regenbogens. Und wie es nächstes Jahr in Katar ausschaut, kann sich jeder ausmalen. Regenbogen-Stadien, hahaha! Menschenrechte, ich lach‘ mich scheckig! Auch die Fifa ist ja eine politische und religiös neutrale Organisation von ehrenamtlich schuftenden Leuten, die auf die verfolgte Minderheit der großen und kleinen Tyrannen dieser Welt vorbildlich empathisch Rücksicht nimmt.

Was tun? Nun, man muss nicht hingucken, während unser Held Neuer den Ungarn seine Regenbogen-Binde ins Gesicht hält. Man kann sich aber auch an Neuer ein Beispiel nehmen, die Deutschlandfahnen durch Regenbogenflaggen ersetzen, sich das Gesicht bemalen und das alte T-Shirt, man kann vor allem auch als wandelnder Regenbogen ins Stadion gehen, nicht nur am Mittwoch.

Säße ich auf der Pressetribüne, ich ginge genau so dahin.

4 Gedanken zu “Over the rainbow

  1. Ein sehr wahrer Text. Ich fand den Vorschlag des Münchner Stadtrates, der (Regenbogen-)Farbe bekennen wollte, überaus korrekt. Die UEFA versteckt sich lieber hinter dem Leitsatz, dass sie kein Politikum daraus machen will. Hauptsache die Kasse klingelt. Was sind schon Menschenrechte? Bei durchschnittlich 10% der Europäer (aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien, Österreich, den Niederlanden, ja auch aus Polen und Ungarn), die sich als etwas anderes als “ausschließlich heterosexuell” (Quelle: Dalia, 2016) bezeichnen, ist das wohl ein vernachlässigbar geringer Anteil für die UEFA.

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    • Danke für den Kommentar! Am Ende geht es vielleicht gar nicht um Zahlen – ich wage mal die Annahme, dass seit 2016 mehr als zehn Prozent der EuropäerInnen auf den Trichter gekommen sind, sich nicht selbst als stramm und ausschließlich hetero zu bezeichnen und ergo zu beschränken. Aber selbst wenn es nur 0,5 Prozent wären oder noch weniger: Was kann für einen Sportverband störend daran sein, Solidarität mit Minderheiten zu bekunden?

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      • Richtig, wäre es nicht ein klares Zeichen der Solidarität, der Toleranz, der Vielfalt, ja, der Weltoffenheit gewesen?
        Immerhin, und das sehe ich sehr positiv: Das Thema kommt in allen Medien auf den Tisch und es wird sich diesbezüglich klar gegen die UEFA ausgesprochen. Ich würde hier sogar von einem UEFA’schen Eigentor sprechen. 😉

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