Neuanfang

Rom ist heiß, wie immer. Rom ist laut, wie immer. Rom ist dreckig, wie immer.

Rom ist schöner denn je.

Aus Parkplätzen sind Räume der Geselligkeit geworden, alle Restaurants haben jetzt ein dehors, wie die Römer näseln, also Platz zum Draußen-Essen. Bei Krishna, einer der vielen indischen Gaststätten, steht ein Barde auf dem Kunstrasen und singt zur Gitarre „La società dei magnaccioni“, das römischste aller Trink- und Fresslieder: „Ma che ce frega, ma che c’importa…“

Ja von wegen, was juckt es uns. Das war früher. Heute sind wir RömerInnen das disziplinierteste Stadtvolk Europas, tragen brav Maske, stehen brav auf den Abstand-Haltepunkten vor der Kaufhauskasse, desinfizieren uns in jedem Geschäft die Hände. Bei Fassi, dem ältesten und größten Eissalon der Stadt, der auch nicht einfach nur Gelateria heißt, sondern Palazzo del Freddo, steht kurz vor Mitternacht eine Schlange Maskierter aller möglichen Altersklassen und Nationalitäten. Bangladesh, China, Rumänien, Marokko, junge Tätowierte, alte Ehepaare. Der Maskierte an der Kasse weist alle auf die Plätze, keiner protestiert, niemand drängelt, es ist eine stumme Choreographie, die jener der Tai-Chi-Gruppe ähnelt, die sich morgens im Park auf der Piazza trifft.

Auch hier sieht man, wie elegant Abstandhalten ist und wie leichtfüßig und -ärmig unsere Gemeinschaft auf dem römischsten aller Plätze. Der kleine Park, früher beispiellos heruntergekommen, ist während der Pandemie vollständig gesäubert und neu bepflanzt worden, bald wird auch ein kleines Gartencafé eröffnen.

Ja, wir erholen uns! Langsam. Und leider nicht alle. Armut war auf unserem Platz immer unübersehbar, nach wie vor schlafen viele Menschen ohne Zuhause unter den Arkaden, auf Kartons oder auf dem nackten, immerhin gefliesten Boden. In den Bars bekommen die Armen immer einen Kaffee oder ein Panino, man grüßt sie, gibt ihnen das Gefühl, dazu zu gehören. Denn sie gehören dazu. Unser Viertel ist auf dem Gelände der Villa eines gewissen Maecenas entstanden. Freigiebigkeit hat hier Tradition.

Das Ladenlokal, das hier so originell und aufwendig zum Verkauf geboten wird, beherbergte bis dato ein Medizinlabor. Jede Wette, das auch dort ein Café einziehen wird. Piazza Vittorio boomt und es wird nicht lange dauern, bis unser Viertel gentrifiziert ist. Superzentral zwischen Bahnhof Termini, Kolosseum und Lateranbasilika gelegen, riesige Gründerzeithäuser, mittelalterliche Kirchen und antike Ruinen…und bis gestern alles noch halbwegs erschwinglich.

Das neue Rom entsteht hier. Und hoffentlich bleibt es so bunt, multikulturell und großzügig wie das alte.

5 Gedanken zu “Neuanfang

  1. Schön, von so positiven Entwicklungen in deinem Viertel zu lesen. Wird denn auch mehr Fahrrad gefahren, jetzt, wo aus Parkplätzen Freisitze für die Bars und Restaurants geworden sind?

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  2. Interessant, wie sich das mit der Disziplin über die Distanz nach Bari komplett anders entwickelt hat. Hier gruppieren sich die Leute wieder mit wenig Abstand und die Maskenpflicht hat das Volk beim Überschreiten der 35 Grad-Marke in der letzten Woche noch vor der offiziellen Erlaubnis von selbst abgeschafft.

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