Padre Padrone

Italien hat in den letzten Jahrzehnten immer neue politische Rattenfänger – vulgo: Populisten – hervorgebracht, die mit großzügiger Unterstützung der Medien (aller, außer Radio Vatikan) auf Machtpositionen gehievt wurden, sich mehr oder wenige lange dort hielten, um schließlich zu verblassen. Der langlebigste von ihnen ist Berlusconi, was kein Wunder ist, denn wenn sein Stern auch sinkt, bleibt er doch der erfolgreichste Unterhaltungsindustrielle im Land. Neben seinen Privatsendern kontrolliert er immer noch die Kinos und große Verlage, auch für Schulbücher und Museumskataloge. Letzteres bringt auch Touristinnen in den Genuss, good old Bunga Bunga zu sponsern. Wenn man, nur mal so zum Beispiel, in Rom das Kolosseum oder die Kapitolinischen Museen anschaut und nachher ein Büchlein für zu Hause darüber kauft, dann stammt diese Broschüre aus einem Verlag von Berlusconi.

Was den Presidentissimo von den anderen Populisten unterscheidet ist, dass er seinen Weg an die Macht aus eigener Tasche gezahlt hat (woher das Geld dafür stammte, wäre nochmal ein ganz anderes Thema). Er investierte Millionen in seine Partei – und als er das zeitweise nicht mehr tat, gab es Massenaustritte. Er zahlte die Renovierung der Amtsräume, seine riesige Mietwohnung in Rom, er zahlte auch für seine Leibwächter, seine Sekretäre und selbstverständlich jeden Flug im Privatjet. Wenn Berlusconi Putin zum Abendessen einlud, zahlte er auch das privat, die Köche, das Servicepersonal und den Klavierspieler. Ganz anders als sein Kollege Umberto Bossi, der seine Familie aus der Parteikasse beschenkte, während sein Nachfolger Matteo Salvini ohne Sponsoren immer noch Beiträge für den Lokalsender „Radio Padania“ kleben müsste. Und ganz anders als der Berufs-Komiker Beppe Grillo.

Grillos Blog, vor allem aber die daraus folgende Parteigründung des „Movimento 5 Stelle“ haben den alternden Comedian reich gemacht. Die Geschäftsidee, ausgebrütet gemeinsam mit dem Internet-Bastler Gianroberto Casaleggio, war genial: Casaleggio hielt die Monopol-Plattform für die Digitalpartei, jede Abgeordnete musste einen Monatsbeitrag für das aparterweise „Rousseau“ genannte Programm abdrücken. Hinzu kamen andere Aufträge, die die Fünfsterne ihrem Digital-Guru mit wachsender Machtfülle verschaffen konnten. Kompagnon Grillo besitzt seinerseits die Markenrechte. Bis heute. Die Fünf Sterne sind also eine Firmenpartei wie „Forza Italia.“ Mit dem Unterschied, dass Grillo, anders als Berlusconi, im Traum nicht auf die Idee käme, sich einen liberalen Anstrich zu verpassen. Wozu auch, aggressives Dauerbrüllen und eine stalinistische Parteiführung, die jeden Kritiker rauswirft, zahlen sich ja weitaus besser aus.

Sein Geschäftspartner Casaleggio ist inzwischen verstorben, der Sohn übernahm seinen Anteil. Ganz wie sein Vater wollte Davide Casaleggio der Partei auch sagen, wo es ideologisch langgeht. Doch das ließen sich viele nicht mehr gefallen. Die Partei emanzipierte sich von Casaleggio junior. „Rousseau“ wird nicht mehr aus Abgeordnetendiäten gemästet. Das gelang indes nur mit Hilfe des italienischen Datenschutzbeauftragten, der Casaleggio dazu zwang die von ihm zurückgehaltenen Daten der Parteimitglieder offen zu legen. Vor ein paar Wochen trat der Sohn des Gründers aus der Partei aus.

Aber Grillo ist noch da. Als „Garant“, wie er sich selbst bezeichnet, wobei er inzwischen fast ausschließlich für die Machtansprüche der eigenen Familie garantiert. Als einer seiner Söhne wegen Beteiligung an einer Gruppenvergewaltigung angeklagt wurde, veröffentlichte Grillo ein unsägliches Video, in dem er das mutmaßliche Opfer attackierte. Seine Beliebtheitswerte sanken in den Keller, noch unter Berlusconi. Mit dem Mann könnte das Movimento keinen Blumentopf mehr gewinnen, geschweige denn Wahlen.

Ganz anders Giuseppe Conte. Der Ex-Premier steht bei den Wählerinnen immer noch ganz oben. Er könnte die Partei vor dem Untergang bewahren und im Zusammenschluss mit dem Partito Democratico ein Mitte-Links-Bündnis aufbauen, um der Rechten Paroli zu bieten, die in Italien eben leider kein konservatives, sondern ein reaktionär-nationalistisches Gefüge ist. Das derzeit eine Mehrheit an die Macht hieven würde.

Grillo hatte Conte seinerzeit angeheuert, um als Strohmann mit Salvini zu regieren. Conte hat das mitgemacht, aber aus seinen Fehlern gelernt. Nie wieder mit der Lega oder den anderen Ultrarechten, nie wieder Strohmann sein. Er hat Gefallen gefunden an der Politik und natürlich an der Macht.

Und jetzt läuft der Showdown mit Grillo. Der Alte denkt nicht ans Altenteil, er will weiter die Regeln diktieren, von der Entscheidung, wer was in welcher Fernsehsendung sagen darf, bis den Anweisungen für mögliche Koalitionen. Hinter den Kulissen geht es natürlich um die Kohle. Grillo ist so weit, dass er eine seiner drei Villen an Feriengäste vermietet – falls Interesse besteht: hier geht’s, allerdings sind nur noch wenige Tage frei – ab 12.750 Euro die Woche. Schließlich müssen auch die Anwaltskosten für den Sohnemann bezahlt werden.

Der öffentlich ausgetragene Machtkampf erreichte seinen Höhepunkt, als Grillo Conte vor die Tür setzte: Der Jüngere sei ja komplett unfähig, keine Visionen und kein Mumm, um die Partei zu führen, auf so einen könne er verzichten. Das Movimento sei keine Einmann-Veranstaltung, sondern eine Bewegung der Basis.

Man reibt sich die Augen. So witzig war Grillo schon lange nicht mehr. Die Fünf Sterne keine Solisten-Show! Es reicht, sein neuestes Video anzuschauen, um vom Gegenteil überzeugt zu werden – übrigens egal, ob man Italienisch kann oder nicht. Da faselt Grillo vom Konsumgebaren der Asiaten und darüber, wie wir mit Katastrophen leben lernen müssen, wie ein x-beliebiger Guru (oder Coach, wie das heute heißt). Das Italien, das er sich vorstellt, ist ein voll digitalisiertes Land mit Steinzeitkultur, aber ganz bestimmt nicht die drittgrößte Volkswirtschaft der EU auf dem Weg in die Zukunft. Auf der Plattform Rousseau soll jetzt über seine verquasten Ideen abgestimmt werden, das Programm des „Elevato“ (Erhabenen), gültig bis zu Grillos 102. Geburtstag 2050.

Conte wird wohl seine eigene Partei gründen. Er braucht „Rousseau“ nicht mehr und auch keinen Blog.

Diese Instrumente des Populisten Grillo sind von gestern, genau wie die Fernsehsender des Populisten Berlusconi.

Heute gibt es Instagram und Twitter.

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